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1767

Die Unsterblichkeit der Seele

Christian Friedrich Daniel Schubart

Heut reiße dich, o Seele! los Von deiner Sklavenbürde! Fleuch auf, Unsterbliche! sei groß, Und singe deine Würde,

Voll Majestät, wie Orgelton, Erhaben, wie Isais Sohn, Und hoch, wie Adler fliegen. Sie, die in unerflogner Höh'

Die Cherubsflügel schwinget, Und tief ins Unermeßliche Mit edler Kühnheit dringet, Die immer steigt, und niemals ruht,

Die Seele, diese Gottesgluth Soll einst verlöschen können? Ein Geist, der sich in Tiefen senkt Und in die Höhen fähret,

Ein Wesen, das den Schöpfer denkt, Ein Wille, der ihn ehret, Ein Herz, das sich in Wahrheit übt, Und dich, Unendlicher! dich liebt,

Das soll der Tod zerstören? – Soll denn dein Hauchen, Jehovah, So leicht, wie Wind, verwehen? So hat umsonst der Golgatha

Des Mittlers Blut gesehen? So wallt vergeblich Gottes Geist, Der Kraft und Heiligung verheißt, Auf uns im Bade nieder?

So ist kein flammendes Gericht Für Sünder, die Ihn hassen? So sollen seine Donner nicht Des Sünders Scheitel fassen?

So lebt der Thor im Ueberfluß? Und Weisheit soll, wie Lazarus, In Bettlerslumpen sterben? Entreiße dich, verzagter Geist,

Dem bangen Todesschauer! Selbst deine Zweifelsucht beweist Der Seele ew'ge Dauer; Und jeder Kummer, der dich quält,

Und jedes Glücke, das dir fehlt, Spricht laut von deinem Adel. Soll Gott, der jedes Wesen schafft, Der Schöpfung Ruhm zu mehren,

Die Geister, seine beste Kraft, Sein Meisterstück, zerstören? Zwar fallen dich die Zweifel an: Gott ist es, der zerstören kann!

Doch will er dich zerstören? Du Gott der Wahrheit! nur dein Wort Kann bange Zweifel heben. Ich traue dir! es sollen dort

Die Seelen ewig leben. Dort soll die Tugend glücklich sein, Und Laster schluckt die Hölle ein – So glaubt der Christ, und schweiget.

Drum reiße dich, o Seele! los Von deiner Sklavenbürde. Fleuch auf, Unsterbliche! sei groß Und fühle deine Würde!

Es ist ein Gott und ein Gericht, Drum sinke meine Seele nicht Zum Staub der Erden nieder.

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