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1765

Die gefangenen Sänger

Christian Friedrich Daniel Schubart

Die Lerche, die, im schlauen Garn gefangen, Im dunkeln Eisenkäfig saß, Und traurig auf bestäubten Stangen Den wirbelnden Gesang vergaß;

Fühlt' einst, vom Morgenstrahl erhoben, Den mächtigen Beruf, In einem Lied den Gott zu loben, Der sie zur Lerche schuf.

Schon öffnet sich ihr Schnäbelchen zum Singen, Schon kräuselt sie die Melodie; Spannt ihre Flügel aus, um sich emporzuschwingen, Und hoch herab aus blauer Luft zu singen

Ihr schmetterndes Tilirili. Doch sie vergaß im Jubel ihrer Seele Des engen Käfigs Zwang, Und ach! umsonst kräust ihre Kehle

Den jubelnden Gesang. Sie stieß sich an den Käfigboden, Stürzt nieder, zuckt im Staub. Nun liegt sie da, gleich einem Todten,

Für alle Töne taub. Ein fürchterliches Bild für mich: So flieg' ich auf, und so verstumm' auch ich. Die Nachtigall singt auch im Bauer;

Doch nicht so süß, als wär' sie frei. Ihr Lied gluckt fürchterliche Trauer, Und nicht der Freude Melodei. Ein Bild, o Gott! ein Bild für mich:

Mein Lied tönt auch so fürchterlich! Girrt die gefangne Turteltaube Auch freie Lieb' und Zärtlichkeit, Wie in der sichern Frühlingslaube,

Die keine Sklaverei entweiht? Nein, traurig girrt sie, trüb' und bang; Ihr Lied ist Klag', ist Sterbgesang. Ein Bild, o Gott, ein Bild für mich:

So klag', und wein', und girr' auch ich!

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