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1774

An Chronos

Christian Friedrich Daniel Schubart

Wie schnell, o Chronos, rollet dein Wagen, Von stürmenden Winden getragen, Durch dein weites Gebiet! Es rasseln und donnern die Räder,

Durch den weichenden Aether, Daß die Axe glüht. Hoch stehst du mit herrschendem Blicke, Das Sandglas in der Hand;

Ein Sturmwind treibt dein Gewand Und dein Haupthaar, wie Wolken, zurücke. Königreiche fallen, wenn dein Scepter winkt Und das Felsenhaus des Tyrannen sinkt.

Unter deinem Wagen winken Wiegen, Wo mit morgenröthlichen Zügen Künftige Geschlechter liegen. Aber auch der Berg des Todes ragt

Hoch empor – wo mit verwilderter Geberde Auf losgeschaufelter Erde Die Verwesung – ach! an Menschenknochen nagt. Oft ersäuft der Nachwelt bessere Geschlechter

Der Zeiten aufgeschwollner Fluß – Und es heulen deine Töchter, Grauer Archipelagus. Dorten an der Felsenwand

Ringt ein Greis die welke Hand Auf dem nahen Grabe. Röchelnd seufzt er auf: Ich habe, Chronos, deinen Werth verkannt –

Und der goldnen Stunde Gabe Ach! – entsetzlich angewandt. Und ein Mädchen, ausgeweint und hager, Wälzt um Mitternacht sich auf ihrem Lager,

Jammernd, daß ein Bösewicht sie betrog Und ihr Schutzgeist Unschuld ewig ihr entflog. Der Weise, der in stiller Nacht Vom Mond bescheint am Gitter wacht,

Hört, Chronos, deinen Wagen rollen – Dann zählt er jeden Augenblick Und kehrt mit feuervollem Blick Zur Tugend und zur Pflicht zurück.

Und du – du lispelst ihm den himmelvollen, Den großen Trost ins Ohr: Heil dem, der keinen Tag verlor.

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