Skip to content
1787

SibylleFußnoten

August Wilhelm Schlegel

Einsam in der Felsenhöhle, Tiefen Ernst in keuscher Seele, Wohnte Phöbus Priesterin. Oft, in stiller Nächte Hüllen,

Nahte sich der Gott Sibyllen, Zu erleuchten ihren Sinn. Staunend fiel sie vor ihm nieder, Ihr erschauerten die Glieder,

Die der hohe Gast durchdrang. Und sie öffnete die Lippen, Und es schollen rings die Klippen Von prophetischem Gesang.

Auf geweihte Palmenblätter Grub sie dann den Spruch der Götter, Von Apoll ihr offenbart. Vieler Menschen Söhne kamen,

Fragten, lasen, und vernahmen, Was der Zukunft Schooß bewahrt. Aber öfters fuhr der Flügel Eines Sturmwinds, trotz dem Riegel

Ihrer Pforte, durch die Gruft, Ach, und riß die leichten Blätter Ohne Schutz und ohne Retter Sausend in die öde Luft.

Die Prophetin, unbekümmert Um ihr Werk, vom Sturm zertrümmert, Haschte keines je zurück. Wer von ihr in bangen Nöthen

Trost gehofft und Trost gebeten, Fluchte dann auf sein Geschick. Weisheit läßt mit sich nicht scherzen; Menschen, haltet fest im Herzen

Die Orakel der Vernunft. Weh, wenn vor der Lüste Toben Maß und Ordnung weggestoben! Hoffet keine Wiederkunft.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
SibylleFußnoten · August Wilhelm Schlegel · Poetry Cove