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1810

Die gefangnen Sänger

August Wilhelm Schlegel

Hörst du von den Nachtigallen Die Gebüsche wiederhallen? Sieh', es kam der holde Mai. Jedes buhlt um seine Traute,

Schmelzend sagen alle Laute, Welche Wonn' im Lieben sei. Andre, die im Käfig leben, Hinter ihren Gitterstäben

Hören draußen den Gesang; Möchten in die Freiheit eilen, Frühlingslust und Liebe theilen: Ach! da hemmt sie enger Zwang.

Und es drängt sich in die Kehle Aus der gramzerrißnen Seele Schmetternd ihres Lieds Gewalt, Wo es, statt im Weh'n der Haine

Mitzuwallen, von der Steine Hartem Bau zurücke prallt. So, im Erdenthal gefangen, Hört des Menschen Geist mit Bangen

Hoher Brüder Harmonie, Strebt umsonst zu Himmelsheitern Dieses Dasein zu erweitern, Und das nennt er Poesie.

Aber scheint er ihre Rhythmen Jubelhymnen auch zu widmen, Wie aus lebenstrunkner Brust: Dennoch fühlen's zarte Herzen,

Aus der Wurzel tiefer Schmerzen Stammt die Blüthe seiner Luft.

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