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1790

Der letzte Wunsch

August Wilhelm Schlegel

O ich weiß, beschränkt und nichtig Ist des Menschen Sein und Thun; Und wir schweifen in der Irre, Und wir finden im Gewirre

Keine Stätt', um auszuruhn. Traum nur bist auch du und Schatten, Traum vom Schatten, süßes Weib! Deine Leiden, deine Wonnen,

Waßerblasen gleich zerronnen, Sind des Schicksals Zeitvertreib. Aber sprich: sind unsre Herzen Auch der Zeit, des Zufalls Spott?

Schwillt mein Busen nicht mit Beben Mir von selbstgeschaffnem Leben? Bin ich mir nicht selbst ein Gott? Freilich wär's ein Spiel den Göttern,

Dieß, was allen Gram mir lohnt, Was mich trotzen heißt den Wettern, Mit dem Herzen zu zerschmettern, Wo es stolz und muthig wohnt.

Doch so lang' es pocht, soll ringen Nach dem Höchsten jeder Schlag. Meinen heil'gen Kranz entblättern, Meine Göttin mir entgöttern,

Welche Macht, die das vermag? Sind dieß Wirbel rascher Flammen? Taumel wilder Leidenschaft? Nein, ich fühl' in diesem Streben

Inniges, geheimes Leben, Seelenwürd' und Licht und Kraft. Könnte je die Glut erlöschen, Die auf deinem Altar flammt,

Göttin, o! so laß mich sterben, Laß mich süßen Tod erwerben, Eh' das Schicksal mich verdammt; Mich verdammt zu ödem Leben,

Das dem Tode langsam weicht, Freudenleer, in dumpfem Kummer, Während sich des Grabes Schlummer Kalt durch Mark und Nerven schleicht.

Laß vom Dasein mich genesen, Sanftes Weib, an deiner Brust. Wuth und Wonne wird mein Wesen Auf im letzten Kuße lösen.

Ha! willkommen, Todeslust!

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Der letzte Wunsch · August Wilhelm Schlegel · Poetry Cove