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1806

Allegorie

August Wilhelm Schlegel

Am freien Hügel hebt ein Tempel sich Mit schlanken Säulen freudig himmelan, Geweiht von seiner blüh'nden Priesterin, Die selbst mit Lieb' und zartem Bildnergeiste

Dieß Denkmal ihren Göttern ausersann. Der Grund erbebt, und öffnet sich, und schlingt Des Daches Stützen halb hinab, den Bau Mit wüster Willkür durcheinander werfend.

Die Priesterin entsetzt sich nicht; sie bleibt: Es wohnt forthin nun keine Gottheit dort, Sie selber wird des stillen Ortes Göttin, Und Rosenbüsche keimen aus den Spalten

Des Marmors auf; die pflegt die Priesterin. Da naht ein lebensmüder Wanderer Sich ehrfurchtsvoll, sie reicht ihm eine Rose, In deren frischem Duft ihm Ahndungsschauer

Entgegen säuseln. – O Göttin, du! ich sah den Tempel nicht, Er mußte schön und wunderherrlich glänzen, Allein die Trümmern schatten doppelt heilig

Und doppelt liebevoll. –

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