Skip to content
1782

Poesie des Lebens

Friedrich Schiller

„Wer möchte sich an Schattenbildern weiden, Die mit erborgtem Schein das Wesen überkleiden, Mit trügrischem Besitz die Hoffnung hintergehn? Entblößt muß ich die Wahrheit sehn.

Soll gleich mit meinem Wahn mein ganzer Himmel schwinden, Soll gleich den freien Geist, den der erhabne Flug Ins grenzenlose Reich der Möglichkeiten trug, Die Gegenwart mit strengen Fesseln binden,

Er lernt sich selber überwinden, Ihn wird das heilige Gebot Der Pflicht, das furchtbare der Not Nur desto unterwürfger finden.

Wer schon der Wahrheit milde Herrschaft scheut, Wie trägt er die Notwendigkeit?“ – So rufst du aus und blickst, mein strenger Freund, Aus der Erfahrung sicherm Porte

Verwerfend hin auf alles, was nur scheint. Erschreckt von deinem ernsten Worte Entflieht der Liebesgötter Schar, Der Musen Spiel verstummt, es ruhn der Horen Tänze,

Still traurend nehmen ihre Kränze Die Schwestergöttinnen vom schön gelockten Haar, Apoll zerbricht die goldne Leier, Und Hermes seinen Wunderstab,

Des Traumes rosenfarbner Schleier Fällt von des Lebens bleichem Antlitz ab, Die Welt scheint, was sie ist, ein Grab. Von seinen Augen nimmt die zauberische Binde

Cytherens Sohn, die Liebe sieht, Sie sieht in ihrem Götterkinde Den Sterblichen, erschrickt und flieht, Der Schönheit Jugendbild veraltet,

Auf deinen Lippen selbst erkaltet Der Liebe Kuß, und in der Freude Schwung Ergreift dich die Versteinerung.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Poesie des Lebens · Friedrich Schiller · Poetry Cove