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1856

Der Aggstein

Joseph Viktor von Scheffel

Nun die ersten Lerchen stiegen Und der Himmel freundlich lacht, Hab' auch ich zu neuem Fliegen Wanderfroh mich aufgemacht.

Dir gilt's heut, Kuenringer Feste, Aggstein, wetterbraun und rot, Der gleich einem Geierneste Auf die Wachau niederdroht.

Leicht ist Einlaß zu gewinnen, Kein Gewaffen sperrt den Pfad Und kein Hornstoß von den Zinnen Meldet, daß ein Wandrer naht.

Linder Frühlingsluft erschlossen Stehn des Burgstalls Trümmerreih'n, Und Jerg Schreckenwalds Genossen Reiten nicht mehr aus und ein.

Hoch im Innern schlüpft ein Pförtlein Auf den freien Fels hinaus Und ein schaurig schmales Örtlein Überrascht mit starrem Graus.

Rosengarten ist's geheißen, Doch vieldeutig klingt das Wort, Nur die dornig wilden weißen Todesrosen blühen dort.

Mancher stand hinausgestoßen Auf der Kuppe steilem Rand, Bis ihn Sturm und Wettertosen Und der Hunger übermannt;

Mancher, seine Qual zu kürzen, Zog den Sprung zur Tiefe vor, Wo zerschellt in jähem Stürzen Bald sich sein Gebein verlor.

... Schwer empört schau' ich das wilde Denkmal wilder Menschenart ... Sieh – da winkt versöhnlich milde Auch ein Gruß der Gegenwart:

Schwindlig ob des Abgrunds Schauer Ragt des höchsten Giebels Zack, Und am höchsten Saum der Mauer Prangt der Name – KISELAK.

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