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1854

Die Jungfrau

Adolf Friedrich von Schack

Halbdunkel schon über den Thälern; Wolken, in schwerem Zuge Von Klippe zu Klippe sich wälzend; Um mich zerrissene Schluchten

Und Meere von Stein, deren Wogen Seit dem letzten Weltorkan nicht mehr branden; Hin schweift mein Blick Ueber Oeden, nur von Adlern bewohnt,

Empor zu den Felsensteilen, Wo die Riesentannen, Gleich Giganten der Vorzeit Hoch und höher im Himmelssturme klimmend,

Sich im wallenden Dunste verlieren. Doch sieh! zu wirbeln, zu wogen Beginnt das Gewölk; Die Nebeldecke zerreißt,

Und durch die stäubenden Flocken Fern in der blauen Unendlichkeit – Welcher Silberglanz, Das Auge mit Strahlenschimmer blendend!

Sie ist es, sie ist's, der Berge hohe Königin, Auf ihrem Gletscherthrone, Hoch über die Erde den mächtigen Scheitel erhebend, Die riesigen Glieder

Von Schneegewanden umwallt. Schon schweigend zu ihren Füßen Lagert die Nacht; Doch weithin im Strahle der sinkenden Sonne

Blitzt auf ihrem Haupt die Demantenkrone, Und, in Nebel zerflatternd, enthüllt Der Schleier das majestätische Antlitz. Ueber die Stirn ihr gleitet

Bleich und golden rot Ein wechselnder Schimmer. Plötzlich erblassend Vor den gähnenden Tiefen des Alls,

In die der Blick ihr hinunterstarrt, Scheint sie zurückzubeben; Dann wieder umfliegt Ein rosiger Glanz ihr die Züge,

Wie Widerschein von Gedanken und Träumen, Die ihr durch die Seele ziehen. Giebt sie mit Geistern anderer Welten Sich Flammenzeichen?

Oder gewahrt ihr Auge Jenseits der Erde Ungeahnte Geheimnisse, Daß süßes Erschrecken

Die Wangen ihr rötet? Doch der Schimmer erlischt; Höher empor auf den Nebeln flutet die Nacht, Und, den sterblichen Blicken entrückt,

Mit den Sternen dort oben Hält die Königin Zwiegespräch.

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Die Jungfrau · Adolf Friedrich von Schack · Poetry Cove