Skip to content
1854

An Sie

Adolf Friedrich von Schack

Was birgst du dich vor mir? Ich habe In meinen Träumen schon als Knabe, Als Jüngling schon dich oft geschaut, Sanft deiner Nähe Hauch empfunden

Und morgens, wenn du mir entschwunden, Mit Thränen meinen Pfühl betaut. Wenn nächtlich unterm Sternendache Das Rufen mir, das tausendfache,

Von Wald und Flur zum Ohre drang, Oft fernher durch der Stürme Brausen, Der Ströme Rauschen, in den Pausen Vernahm ich deiner Stimme Klang.

In allem Hohen, allem Schönen Der alten Dichtung, in den Tönen, Mozarts und Webers hört' ich sie; Beim Orgelklang durch die Choräle

Erscholl sie mir, und meine Seele Trank brünstig ihre Melodie. Doch, die du immer mich umschwebtest, Oft fragt' ich zweifelnd, ob du lebtest,

Weil keine dir auf Erden glich. Und, wie die wechselnden Gestalten Des Lebens mir vorüberwallten, In jeder, jeder sucht' ich dich.

Ich sah sie kommen, sah sie schwinden, Und konnte nie die eine finden, Nach der das Herz mir einzig rang – Mein Haupt verhüllt' ich da voll Trauer

Und fühlte, wie des Todes Schauer Durch meine Glieder eisig drang. Schon schwand vom Leben mir das Beste, Verdorrend sinken seine Aeste,

Welk seine Blätter nach und nach; Doch wieder naht, im Sturm sich wiegend, Der Frühling, Grab und Tod besiegend, Und neu wird alte Hoffnung wach.

Komm denn, du, die mir immer fehlte, Braut, der ich mich im Geist vermählte! Birg meinem Blick dich länger nicht! Mit hohen, sehnsuchtschweren Schlägen

Klopft zitternd dir mein Herz entgegen! Komm, daß es nicht in Jammer bricht!

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
An Sie · Adolf Friedrich von Schack · Poetry Cove