Skip to content
1798

28. Psyches Trauer

Johann Gaudenz von Salis-Seewis

Psyche seufzt, in tiefer Kerkerhalle, Nach Erlösung; ach! sie forscht nach Licht: Bangt und hofft, und lauscht bei jedem Schalle, Ob das Schicksal ihre Riegel bricht.

Psyches Ätherflügel sind gebunden; Doch voll Mutes, wenn sie leise stöhnt, Weiß sie: Nur in schwülen Prüfungsstunden Sproßt die Palme, die den Sieger krönt;

Weiß, daß Dorngestrippe Rosen tragen, Blumengold entkeimt der öden Gruft; Ihren Kranz erringt sie durch Entsagen, Ihre Kräfte stählt die herbe Luft.

Ihre Freuden kauft sie durch Entbehren, Durch verlängter Sehnsucht Wehmutstraum; Daß nicht Strahlen ihr den Schlummer stören, Dämmern Schatten um des Lebens Baum.

Psyches Klag' ist Lispel einer Flöte Aus dem mondbeglänzten Weidenstrauch; Ihre Zähren Tau der Morgenröte; Ihre Seufzer Nachtviolenhauch.

Bei Cypressen sproßten ihre Myrten; Weil sie viel geduldet, liebt sie viel. Liebe führt nur durch der Trennung Syrten Zu des Wiederfindens Wonneziel.

Dulden kann sie; Bürden mutig tragen; Stumm sich beugen vor des Schicksals Schluß; Ihre Wonn' ist in gelaßnen Klagen, Und ihr Labsal des Gefühls Erguß.

Ach! das Vorgefühl in Finsternissen, Das zum Aufflug ihre Schwingen sträubt, Ist nur Ahndung; Stückwerk all' ihr Wissen; Ihre Wahrheit, was sie redlich gläubt.

Dunkel birgt das Ziel von Psyches Sendung; Und ein Blick, der oft in Thränen blinkt, Reicht nicht bis zum Gipfel der Vollendung, Wo der Täuschung Nebelschleier sinkt.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
28. Psyches Trauer · Johann Gaudenz von Salis-Seewis · Poetry Cove