Skip to content
1798

24. Die Einsiedelei

Johann Gaudenz von Salis-Seewis

Es rieselt, klar und wehend, Ein Quell im Eichenwald; Da wähl' ich einsam gehend Mir meinen Aufenthalt.

Mir dienet zur Kapelle Ein Gröttchen, duftigfrisch; Zu meiner Klausnerzelle Verschlungenes Gebüsch.

Zwar düster ist und trüber Die nahe Wüstenei, Allein nur desto lieber Der stillen Phantasei.

Da ruh' ich oft im dichten, Beblümten Heidekraut; Hoch wehn die schlanken Fichten Und stöhnen Seufzerlaut'.

Wo von Wachholdersträuchen Den Kieselsteig hinan Verworrne Ranken schleichen, Da brech' ich mir die Bahn;

Durch des Gehaues Stumpen, Wo wilde Erdbeern stehn, Klimm' ich auf Felsenklumpen, Das Land umher zu sehn.

Nichts unterbricht das Schweigen Der Wildnis weit und breit, Als wenn auf dürren Zweigen Ein Grünspecht hackt und schreit,

Ein Rab' auf hoher Spitze Bemooster Tannen krächzt, Und in der Felsenritze Ein Ringeltäubchen ächzt.

Wie sich das Herz erweitert Im engen, dichten Wald! Den öden Trübsinn heitert Der traute Schatten bald.

Kein überlegner Späher Erforscht hier meine Spur; Hier bin ich frei und näher Der Einfalt und Natur.

O blieb' ich von den Ketten Des Weltgewirres frei! Könnt' ich zu dir mich retten, Du traute Siedelei!

Froh, daß ich dem Gebrause Des Menschenschwarms entwich, Baut' ich hier eine Klause Für Liebchen und für mich.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
24. Die Einsiedelei · Johann Gaudenz von Salis-Seewis · Poetry Cove