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1860

Stimmen der Nacht

Otto Roquette

Stimmen der Nacht! Hebt aus der Tiefe Dämmerndem Grunde Leise die Schwingen

Ueber die Welt! Wehen des Windes, Rauschen der Wellen, Nachtigalltöne,

Wecket den Wiederhall Fern im Geklüft! Ihr nimmer rastenden, Die ihr die Stunde

Wisset, da mächtiger Schwillt durch die Thäler Euer Gesang: Unter dem bergenden

Schleier des Dunkels Singet ein Traumlied Der schlummernden Erde, Stimmen der Nacht!

„Was wir verkünden, Hören die Schläfer nicht, Träumen nur weiter All' ihres Tages

Flüchtigen Schein. Aber der Wachende, Der in die Seele Senket die Blicke,

Prüfend und schauernd, Höre das Lied! Unter den Wogen Starrt es von Klippen,

Senken sich Felsen, Stürzet zum Abgrund Wirbelnd die Fluth. Droben die Fläche

Kräuselt nur spielend, Was aus dem Kampfe Senden die Tiefen, Als leichten Schaum.

Wehen des Windes Streift um die Knospen, Küßt die erwachenden, Daß sie als Blüthen

Grüßen den Tag. Kommt es auf Flügeln Sausenden Sturmes, Bricht es die Knospen,

Streut es zu Boden Blüthen und Laub. Klänge der Nachtigall, Kundig der vollsten

Holdesten Töne, Mühelos, rastlos Singend der Nacht; Ist es der Freude

Jubelnde Feier? Klänge der Nachtigall, Singen sie Klagen? Künden sie Lust?“

Stimmen der Nacht! Schön in des Mondes Und der Gestirne Silberner Dämmrung

Ueber dem Strom Tönet das Rauschen, Säuselt der Windhauch, Dringt aus den Blüthen

Rufender Nachtigall Schmetterndes Lied! Was sich dem wachenden Erdegebornen

Schmeichelt als Wohllaut, Lächelt als Friede Durch das Gemüth: Laßt ihm der Sterne

Flimmernden Abglanz Ueber der Fläche! Laßt ihm der Täuschung Freundliches Bild!

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