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1860

Das Eselslehen

Otto Roquette

Zu Darmstadt in der Ochsengaß' Da schrei'n die Buben, was ist das? Was rennt von allen Seiten? Das frankensteiner Eslein kommt,

Ein Weib sitzt drauf zu reiten. Was hat das Biederweib gethan? Geprügelt hat sie ihren Mann. Ich kann ihn nicht beklagen,

Vom Weib erwirb dir Zärtlichkeit, Dann wird sie dich nicht schlagen! Doch anders denkt der hohe Rath, Der Mannesehr' zu wahren hat.

Ihr Müthlein abzubüßen Soll sie zu Esel durch die Stadt Mit Schanden reiten müssen! Doch weil die Esel noch so rar,

Wer leiht zur Buß' uns einen dar? Des Bürgermeisters Pathe, Der edle Herr von Frankenstein, Der leiht ihn gern dem Rathe.

Und weil das ging jahrein, jahraus, So ward ein Eselslehn daraus, Und ward für Manneswürde Zwölf Malter Korn in Jahr bezahlt,

Und für des Esleins Bürde. Die alte gute Zeit ist aus, Dahin das Frankensteiner Haus. Verjährt ist auch das Lehen,

Die Esel sind nicht mehr so rar, Und zärtlicher die Ehen. In Sommerzeit zum Frankenstein Geht Arm in Arm zu kühlem Wein

Jetzt Weiblein hold und Männlein, Und denkt nicht mehr der alten Zeit, Und leert vergnügt sein Kännlein.

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