Skip to content
1575

Das XXV. capitel.

Georg Rollenhagen

"Doch eins muß ich noch tun bericht, Sprach mein mutter, von dem böswicht. Es gschah an einem pfingsttage Das unser wonung öde lage

Und kein mantier mer war daheim, Hielten am tanzplatz ihr gemein; Da wolten auch wir meuslein al Kirchweih halten im jar einmal,

Nach dem betrübniß frölich sein, Singen, springen und tanzen fein. Was immr erbeitet, nimmer feirt, Sein kraft und wolfart bald verleurt.

Wir schauten aber zu mit scheue, Obs auch wer gut glauben und treue, Ob Murner wie Bellart der hund Bei herrn und fraun am tanzplatz stund;

Denn wenn die katz nicht ist zu haus, So hat frei umlaufen die maus. – Da sahen wir ein wunderding: Murner dort an ein haken hieng

Bei den füßen an hoher wand, Spert auf das maul, rüret kein hand. Wir warfen mit steinlein hinan, Ob er sich des wolt nemen an;

Aber da war nichts denn der tod, On das die zung noch schien gar rot. Drum kamen wir mit großem haufen Zu der freud in eim eil gelaufen,

Unsers feindes tod anzuschauen; Und damit man dest mer könt trauen, Stiegen ihr sechs zum haken krum, Besahn den Murner um und um,

Das nicht ein schalkheit dabei wer, Die uns etwa möcht sein gefer. Endlich wie sie kein leben spürten, Wie hart sie auch die füß anrürten,

Riefen sie uns: Weicht ab, weicht abe, Wir woln den schelm werfen hinabe. Da liefen wir weg algemein, Er fiel herunter auf die stein.

Wie sie ihm die klauen abzogen, Die er in das holz eingebogen, Das wir meinten, der lose tropf Hett zerfaln das ghirn im kopf,

Soviel kont die bosheit erleiden, Damit sie möcht ihrn willen treiben. – Wir wolten all zuspringen bald, Der Traunichtviel schrie: Halt ein, halt!

Man sol nicht singen: Got gedankt! Man hab zuvor den sieg erlangt. Seht, das nicht sei ein bubenstück, Ihr wisset nicht des Murners tück;

Er sitzet oft zu mitternacht, Ob er fest schlief, da er doch wacht; Er hascht all meuslein, die sich rüren. Vielleicht will er uns auch verfüren;

Denn das er hieng so ungebunden, Unverwunden und ungeschunden, Ist bedenklich, sag ich fürwar; Mir stehn zu berg all meine har.

Seim feind soll man nimmermer trauen, Es wolt eim denn hernach gerauen; Denn art lesset von der art nicht, Der speck will von der schwarten nicht.

Die katze lesset ihr mausen nicht, Haben mich mein eltern bericht; Und wie in uns nach monesschein Die lebern groß sein oder klein,

So sein des Murners augen auch, Damit er uns sucht seinem bauch. Last uns nemen ein langen strick, Ihm schleufen an die kel und gnick,

An den enden von ferne weit Auf gleichen teil stehen beiseit Und zurücken mit ganzer gwalt; An pfelen werd der strick geschnalt,

So kan er mer entlaufen nicht, So haben wir den bösewicht. – Das lachten wir gar hönisch aus; Und trat herzu der Seidenpaus,

Erfaren in der erzenei, Fült, ob ihm wer das gnick entzwei, Ob der puls auch sich noch bewegt, Sprach: Ho, da ist nichts das sich regt!

Traunichtvielen verdroß der spott, Sprach: Wie ists ein ding, lieber got, Das sich narren nicht raten lassen! Und nam damit zu loch sein straßen,

Sein kinder alle, klein und groß, Musten mit, ob sies gleich verdroß. – Wir aber giengen all herum Um Murnern die quer und krum,

Der gestrackt auf dem rücken lage, Als wer er todt, dem spiel zusahe; Und wie uns vergangen das grauen, Konten wir nicht gnugsam anschauen

Sein hend und füße mit luchsklauen, Sein maul, damit er pflag zu mauen, Und seine teufelische zeen, Wie scharf fischgreten anzusehn.

Es starret ihm der knebelbart Nach der grimmigen leuen art, Und an der erd lage der schwanz Als eine schlang gestrecket ganz:

Wie solch tier Hercules bezwang, Vorn leu, mitten geis, hinden schlang, Das die alten chimaeram hießen. Anders kont man daraus nichts schließen.

Darum giengen wir umher prangen In der procession und sangen Gloria und hallelujah, Das unser feind tot lag alda.

Die junggesellen sprüngen auch Dem gstrackten tier über den bauch, Die jungfrauen sungen den kranz Und hielten einen ringeltanz,

Wie beim trojanischen pferd geschach, Das inwendig vol feinde lag. Ueber alles fürten wir her Der kinder zur frölichen mer,

Ließen sie mit lust all besehen Des Murners erschreckliche zeen. Dein herr vater, das got erbarm, Hub deinen bruder auf den arm;

Ach, leider war es kurze freud! Dein schöner bruder Seumezeit Der wolt der katze die zung ausreißen Und mit seinen zenen zerbeißen:

Das war ein stücklein seiner tugend, Ach, wie tumkün ist doch die jugend! Aber was geschach schrecklich ding? Der Murner fur auf so gering,

Als wenn er wer ein pantertier, Faßt ihn ins maul und andere vier, Biß so grausamlich alls hernider, Das ihr funfzig nicht kamen wider

Und mer denn hundert waren wund. Wenn ich gedenk der bösen stund, So will mein herz im leib zerbrechen, Das ich mich nicht an ihm mag rechen.

Der allerliebste bruder dein Und auch vier deiner schwesterlein Blieben da auf der walstat liegen: So kan ein sicherheit betrügen!

So bekam uns der pfingsttanz, Keine freud ist auf erden ganz, Die freud wird versalzen mit leid, Honig wird mit gallen bereit,

Und ist kein ding sicher zu trauen, Für tote leich muß uns auch grauen, Das sie nicht wider lebend werden Und uns zusetzen mit beschwerden. –

Und dies war unter andern mer Meiner lieben frauen mutter ler."

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Das XXV. capitel. · Georg Rollenhagen · Poetry Cove