"Als diese red auch war geschehen, Wolt ich weislich der sach nachgehen, Sprach Reinik, und sagt zu der schlangen: Ich muß die sach also anfangen,
Das ich jedern insonderheit Gründlich abfrag der sach bescheid. Darum, man, tritt ein wenig abe! Schlang, horch, viel hilft ein kleine gabe;
Hast du kein geld, das du kanst geben, So laß doch nur den schelmen leben. Laß gehn wie es dem kranich gieng, Der vom wolf groß zusag empfieng,
Was er ihm nur wolt geben alls, Wenn er auszög aus seinem hals Den knochen, der von seinem essen Ihm geferlich den schlung besessen;
Denn als der kranich das bein gewonnen Und fragt, ob ihm der wolf wolt lonen, Biß der wolf seine zen zusam Und fieng giftig zu lachen an,
Sprach: Meinst du, es sei nicht lons gnug, Das du dein heupt mit gutem fug Und one schaden wolgesund Dem wolf widerbracht aus dem mund?
So tue ihm auch gedenk dabei, Das deine sach noch streitig sei; Rechten macht sorg und kosten lang, Hat doch ungewissen ausgang.
Die schlang antwort: Hie ist kein geben On gift, das ihm abstrick sein leben; Das recht hab ich in meinem mund Und bedarf nicht ein viertelstund,
Das gab mein bruder dem bauersman, Der sich seiner herzlich annam, Als er gar steif gefroren war, Kont sich nicht regen um ein har.
Denn als er ihn im busen trug, Bis das die kelte gar ausschlug Und er warm und lebendig ward, Stach er dem baursman durch die schwart,
Das er starb und zu bodem stürzt: So ward der rechtshandel gekürzt. – Wolan, ich muß zum man hingehen, Sprach ich, sein meinung recht verstehen.
Mein man, es sind ser böse sachen; Wie sol ich dich vom tod losmachen, Das ich nicht selbst an deiner stat Endlich muß austragen das bad?
Hast du auch hüner auferzogen? – Nur fünfzehn, sagt er, ungelogen. – Nun, sprach ich, wilt du mir die geben, So wil ich erretten dein leben. –
Von herzen gern, sprach er, mein herr, Und wenn ihrer auch fünfzig wer, Erlöset mich nur von der schlangen. – Ich sagt: Laß dich nur nicht verlangen,
Bring ich die schlang ins loch hinein, So leg bald wider für den stein. Denn solt du bald das urteil hören, Der tropf sol noch den schelmen rören.
Ich sprach zur schlang: Zu loch hin schleich, Eur bricht ist ganz und gar ungleich, Drum kan ich das urteil nicht sprechen, Ich sähe denn den ort der gebrechen;
Die umstend verandern das recht, Wenn ich die sihe, wird alles schlecht; Nach der umstend gelegenheit Geb ich einen richtigen bescheid. –
So kamen wir zum holen stein. Die schlang kroch von ihr selbst hinein, Sprach: So lag ich hinter der tür, Der baur walzet den stein bald für.
Ich aber fragt: Liegt auch der stein Eben also wie er sol sein? Ja, sprach die schlang, also ists gangen, So erbermlich lag ich gefangen.
Darauf schloß ich nun also fort: Dieweil ich hie sehe tat und ort, Sprech ich darauf das recht zuletzt. Nun ihr in vorign stand gesetzt,
So der man wil, laß er dich los, So du kanst, ihm das herz abstoß. – Der baur für freuden hoch aufsprang. Dem urteil ich von herzen dank,
Sagt er. Die schlang flucht aber ser, Das wider dazu kommen wer, Das ihr mit dem tod wurd belont, Das sie des menschen hat verschont;
Drum hett sies urteil recht gefellt, Das undank wer der lon der welt. Ich tröst sie mit lachendem mund: Mein recht sie ja nicht schelten kunt;
Nicht unbillig man selber leide Das man andern vor recht bescheide."
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