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Das XI. capitel.

Georg Rollenhagen

"Graukopf sagt weiter von der gmein, Das ihr regment unnütz wolt sein. Nicht allein darum das sie all Kein rat verstünden im notfall,

Viel wenigr folgten weisen leuten, Die wol rieten zu allen seiten, Als an den vogeln wol zu sehen Und bei den affen ist geschehen,

Sondern das sie auch kein statut Oder gesetz achten so gut, Darnach sie alle leben wolten, Wie sie mit fleiß billig tun solten.

Denn on gesetz ist die gemein Wie ein leib on senen und bein. Sie meinen, weil beid arm und reich Der natur nach sind gar gleich,

All zugleich von des leimen art, Davon der erst geschaffen ward, Und niemand in der freiheit stand Den andern für ein herren kant,

Auch keiner dem gebieten kan, Der durchaus ist sein gleicher man; Es wolt denn auch ein esel sagen, Wie der ander den sack solt tragen:

So stehts in ihrem wolgefallen, Das sie in den geboten allen Halten was ihnen wolgelieb, Sie sein derhalbn wedr schelm noch dieb.

Und wenn gleich dies etlichen leuten Nicht gefellt, die es übel deuten Und etwa amts wegen drum sprechen, Sie wollens eifern, wollens rechen,

So keret der trotzige man Sich doch ganz und gar nicht daran, Weil der nachdruck dem richter feilt Und die straf nicht hernacher eilt. –

Und geht ihn, wies den schafen gieng, Da ihr gemein ein glock aufhieng An einen hohen weidenbaum Für einem wald, am schönen raum,

Damit, wenn zuliefen die wülf, Sie bedürften der hunde hülf, Die hund das leuten all vernemen, Ihnen semtlich zum beistand kemen,

Wie bein bauren zu geschehen pflegt, Wenn sich ein mörderrot erregt. Es war keiner so schlimmer hund, Er angelobt mit hand und mund,

Dieser schafordnung steif und fest Nachzuleben aufs allerbest, Weil besser wer, das sie im haus Unterm tach des wolfs warten aus

Und im notfall mit hellem haufen Ihnen zum schutz kemen gelaufen, Denn das ihrer zween oder drei Im frost und regn blieben dabei,

Die dem wolf doch weren zu schwach: So ward vertragen alle sach. – Wie nun die hund waren dahin, Sich hören ließ der wölfe stim,

Damit sie ihr gesellen riefen Und dann zu den schafen einliefen, Sprungen die schaf hin zu der glock, Insonderheit der groß rambock,

Und zogen was sie immer mochten, Weil die wölf die lemmer aussochten Und sie davon trugen ins holz, Mordten auch manchen Herman stolz

Oder fürten ihn weg gefangen. Am morgen kamen die bund gegangen, Zu schauen was die scheflein machten, Das sie des leutens nicht gedachten

Und so sicher sie ließen schlafen, Bedeut ein wunderfried den schafen. – Aber die schaf waren voll zorn, Das sie ihre kinder verlorn,

Sprachen mit eiferigem zanken, Der teufl solt der nichthaltung danken, Das sie gut ordnung hülfen machen Und selbst nicht nachsetzen den sachen;

Sie hettn geleut die ganze nacht, Aber ausblieben wer die wacht, Sie und ihre kinder geschendt: Von hunden kem all ihr elend.

Die hund sagten, sie wolten schweren Bei ihren allerhöchsten eren, Das sie davon gewust kein wort, Auch keinerlei leuten gehort.

Die schaf gar ungedüldig sprachen: Hört ihr denn nicht die weide krachen Und das uns auch der strick zerriß, Da uns der wolf so grimmig biß?

Die hund antworten: Der bescheid War nur von dem glockengeleut, Und nicht vom strick und weidenkrachen; Was dienet das zu unsern sachen?

Der zank weret ein gute weil, Das recht haben wolt beide teil. – Endlich lief hin der küsterhund, Sperrt sein augen auf und den mund,

Sahe die glock von unten an Und sprach: Das solt mich wunder han, Das ich das geleut hett verschlafen, Die wölf lassen wachen bein schafen;

Aber mich dünkt die glock nicht recht, Ist auch ein kneppel, der sie schlegt? – Was ist der kneppel für ein tier? Sprach der rambock, das sage mir.

Ist es der kobold oder mar? Du sichst die glock ja offenbar! – Indes wolten die hunde all Auch versuchen der glocken schall

Und funden, das sie ledig hieng Und one kneppel stille gieng. Wol, sprach küsters hund, sagt der aff, Wien ein alber tier ists um ein schaf!

Wolt ihr uns hunden ordnung deuten Und regieren mit glocken leuten, Und wist nicht was zur glock gehort, Das sie on kneppel spricht kein wort?

Das sie weder klappet noch klinget, Der schall auch nicht zun oren dringet, Viel wenigr folg bei uns erlangt, Wenn sie ledig on kneppel hangt? –

Es geht euch, wies aff Martins vater, Herr Fürwitzen, dem guten pater, Auf seinem weidewerk auch gieng, Da er mit dem bogen anfieng

Zu schießen und zu fantasieren, Wie er gesehn bei den mantieren. Die schildkrae hat ihr spotgeklapf, Schrie ihn an: Schau, Fürwitz kalaff!

Von einem rauchen hagedorn. Das tat dem affen Fürwitz zorn, Und bracht ein altes bogenholz, Satzt auch darauf zierlich den bolz,

Zielt von der nas zur krae hinan, Vermeint, der bolzen würd abgan, Die krae in einem hui erschießen, Das die andern ihr spotten ließen.

Hatte die krae vor nicht gelacht, So lacht sie itzund, das es kracht, Weil sie am bogen bald erblickt, Das er mit keiner senn verstrickt,

Und sprach: Nun spott des großen gecken, Der mich mit schießen will erschrecken Und drauet mit eim solchen bogen, Der mit keiner senn ist bezogen!

O lieber, lern von einer kraen Die ler, die ich dir itzt wil sagen: Kein bolzen fleugt vom bogen recht, Wo nicht die senn hernacher schlegt!

Da brach Martin aus ungeduld Den bogen auf stückn on sein schuld. – So gehts euch albern schafen auch, On kneppel hat die glock kein brauch.

Was sotten die schaf aber machen? Sie musten abstehn von den sachen, Ihr gute ordnung lassen fallen, Weil keins war unter ihnen allen,

Das ein kneppel wuste zu finden Odr in die glocken anzubinden. Also, sprach Graukopf, ists ein ding, Alle gesetz acht man gering,

Wo nicht der knüttel war beim hund, Der ihn zu folge bringen kunt, Wo nicht die faust hernacher dringt Und die leut zum gehorsam zwingt,

Wo nicht auf leutselige wort Die ernste straf erfolget fort."

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