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Das VI. capitel.

Georg Rollenhagen

"Als auch den vogeln ist geschehen Und noch heut im werk zu besehen. Denn als die noch wolten frei leben, Sich keinem könig untergeben,

Hielten sie rat in der gemein: Was wol solte das beste sein, Was ihnen solt am meisten nützen, Wider die mantier sich zu schützen,

Die ihnen viel der unruhe machten, Immer nach ihrem leben trachten, Warfen mit knütteln und mit steinen, Mit erdschollen und harten leimen,

Machten auch viel schleuflein und garn Von lindenbast und pferdeharn, Darin sie oft würden gefangen, Bein helsen und füßen gehangen

Und gar wenig mer sicher weren, Das allen geriet zu beschweren. Da ward mancher anschlag gehort, Beide nerrisch und weise wort,

Würd viel zu lang hie zu erzelen, Von jedem ein urteil zu fellen. Das muß ich nur sagen diesmal, Das also sprach die nachtigal:

Ich brauch nicht mer denn diese kunst Wider aller creaturn abgunst, Das ich got stets für augen halt, Für ihm sing tag und nacht im wald,

Für ein ganz unschuldiges leben, Wart meins berufs fleißig daneben, Das ich mit giftign würmlein streit, Und sonst niemand zufüg ein leid.

Dabei ich gottes wunderwerk Oftmals sichtiglich spür und merk, Das wer got zum freund hat auf erden, Dem muß sein feind zum freunde werden.

Denn wenn gleich kömt ein lediggenger, Will auch werden ein vogelfenger Und mir so viel und lang nachschleicht, Bis das er meinen stand erreicht,

Und jetzt gleich auf mich werfen will, So bleibt er doch da stehn gar still, Murret mit beschlossenem mund: Hei, wer es doch ein schand und sünd,

Das einer wolt ein mörder sein An solchem unschüldigen vögelein! Laß sein stimlein nur immer klingen, Got zu eren, uns zur lust singen!

Daher wir das vertrauen haben, Wenn wir das mantier sehen graben, Das wir hinfliehen, sehen mit zu, Ob sich ein würmlein herfürtu,

Etwa dienstlich zu unser speis. Wenn das mantier merkt solche weis, Mit madn es bald ein grub aufstellt, Die wie ein meiskestlein zufellt;

Und wenn denn gleich von meiner art Einer darein gefangen ward, So wolt ihn doch niemand ermorden, Sondern hielt ihn mit guten worten,

Das er daheim auch singen solt, Dafür er sein wol warten wolt. Wenn ihr mir nun auch das nachtet, Gewiß wenig zu fürchten hett. –

Die lerch stimmet mit überein, Sprach: Warlich, das solt billig sein, Got ist der herr, wir seine knecht, Wer ihm gehorcht, der dienet recht,

Den wil ich preisen in meim leben, Jederman gut exempel geben, Und niemands zufügen ein leid, Hoff zu bleiben in fried und freud,

Wie ich denn got lob auch erfar. Ein jeder baur mir günstig war, Damm das ich bleib sein gesell, Mein gsang zu got und ihm anstell.

Bald, wenn anfengt der harte mon Und frölich scheint die liebe sonn, Sing ich: Nun seid mit mir erfreut, Es nahet sich die samenzeit!

Wer den feldbau verseumet hat, Geb ihm mist aus seim dorf und stat, Dieweil der frost noch übertreget, Ehe der wind die schwalben herwehet.

Darnach wenn die pflug kirkar gieng, Ich das nachzusingen anfieng. Insonderheit wenn nun die sat Zu gring, zu zeitig odr zu spat

Herfürbrach und sichs ließ ansehen, Es würd auf ein teurung ausgehen, Flog ich singend zum himmel an, Vermant, man solt got raten lan,

Der als der getreue alte hauswirt Wol veterlich aushelfen würd. Und als der pfarrer kam mit gehen, Fand die ackerleut traurig stehen,

Sprach er: Habt ihr niemals gehort Des herrn Christi tröstlich wort? Erstlich nach dem reich gottes tracht, Was euch gerecht und selig macht,

So wird got zuwerfen daneben Was ihr bedürft zu diesem leben. Seht, wie frölich die vogel sein, So nichts seen, nichts samlen ein,

Eur vater, der im himmel wont, Der sein geschöpf liebt und verschont, Dennoch sie all reichlich ernert, Jedem sein eigen speis beschert,

Solt er das euch nicht tun viel mer? Wer ist, der nicht weit besser wer, Denn viel der schönsten vogel sein? Wie ist eur glaub so schwach und klein!

Der herr Christus herzlich gern wolt, Das ihr die wort bedenken solt Und euch des trösten algemein, Darum singt euch die lerch so fein! –

Darum wir lerchen die bauren leren Und singen got zu lob und eren. Zudem wir uns in tugenden üben, Wie uns selbst unsern nechsten lieben,

Das, obgleich jedr sein grenz im feld Mit ernst verteidigt und behelt, Damit niemand zu seinem singen Mög ungereimt stimwerk einbringen,

Dennoch wenn er ein lerchenkind Von den eltern verlaufen findt, Gibt er dem holdselige wort, Speists und fürts an sicher ort,

Lert beten, got loben mit singen. Also wir unser geschlecht fortbringen. – Und ob ich gleich lieb all baursleut, So brauch ich doch vorsichtigkeit.

Denn als die nechst ernt wolt angehen, Sagt ich, die kindr solten zusehen Und zuhören mit allem fleiß, Wenn ich auszog und holt ihn speis,

Was der ackerman sagt und tet, Das wir zeitlich reumten die stet. Bald sich das ganze nest erregt, Sagt, der baur hets so überlegt:

Der son ihm freundn sagen solt, Das er morgen einernten wolt, Sobald sie ihm zu hülf ankemen; Darum musten sie die flucht nemen.

Ich sprach: Sitzt unerschrocken still, Bis der freund kömt, so helfen will! Des andern tags wolt es verdrießen Den baurn, das ihn sein freund verließen,

Befal, das der son das noch tet, Das er die nachbarn dazu bet. Da wurden mein kinder verzagt. Ich sprach: Wartet bis morgen tagt,

So werdet ihr groß wunder sehen, Wie langsam die nachbarn angehen. Zum dritten fragten sie bericht, Ob sie noch solten wandern nicht,

Weil der baur gsagt aus großem zorn, Er wer mit fremder hülf verlorn, Er müst selber greifen zun sachen, Mit seinem son sich daran machen;

Das solt morgen des tags geschehen. Ich sprach: Ja nun ists zeit zu gehen! Freund und nachbarn kein ernst drauf wenden; Wer selbst angreift, der hats in henden!

So pfleg ich meine kinder zu neren, Zu warnen, beschützen und leren. Wenn ander teten auch dergleichen, Es solt zum fried und freud gereichen. –

Der storch, der noch zur selben zeit Mit schlangen füret seinen streit Und keinem frosch felschlich nachschlich, Ließ die sach wolgefallen sich,

Sprach: Ich kan von singen nicht sagen, Muß über meinen schnabel klagen; Der vogel singt zu aller frist Wie ihm der schnabel gewachsen ist.

Aber meinem got dien ich gern, Leist ihm gehorsam on beschwern. Wir störch haben noch diesen brauch In unserm gsetz beschrieben auch,

Das die jungen störch ihre alten In allen eren und würden halten Und, wenn sie nicht mer können fliegen, Für schwachheit im nest bleiben liegen,

Ihnen ihr dankbarkeit beweisen, Für ihre woltat wider speisen. Wir eren auch als unser veter Alle hauswirt, unser wolteter,

Nicht allein das wir sie bewaren, Das giftig würm sie nicht anfaren, Sondern ihn jerlich ein kind gaben, Dieweil wir sonst nichts liebers haben.

Wer uns nun darüber gefert, Den achten wir nicht der ern wert, Das wir zu ihm wolten einkern Und seinen feinden helfen wern,

Wie wir denn in England nicht kommen, Weil sie uns die kinder genommen. Ueber das halt ich den ehestand, Ich sei daheim odr übr land.

Wie denn auch die waldvögelein Alle rein, keusch und erlich sein, Ja bein löwn, tigrtieren und beren Ist der ehestand in großen eren;

Der schand wolf, hund, fuchs, katz und schwein Woln hurer und ehebrecher sein. Sobald ich kom gezogen her Ueber berg und tal, land und mer,

Reum ich aus meinem nest und haus Was unsauber ist fleißig aus, Ersetz und stopfs mit frischem mos, Das es neu werd, warm, weich und los,

Das wenn ankömt mein ehegemal, Sies haus geputzt find überall. Denn wie die Israeliten taten, Wenn sie nach ihrem tempel traten,

Das sie nicht reiseten beisamen, Erst menner, darnach weiber kamen, So kömt allererst am neunten tage Mein ehegemal zu meim gelage.

Wenn ich die erblick unterwegen, Ziehe ich ihr mit freuden entgegen, Heiß sie wilkom, für sie zu haus, Laß sie sitzen und ruhen aus,

Und trag ihr zu mit allem fleiß Was sie bedarf und mag für speis, Bis das sie selbst zeucht mit zu feld, Sich wie ein hausmutter einstellt.

Wenn aber auch von andern tieren Sich ein weib leßt auf ehebruch füren, Wird sie erst aus dem haus verjagt, Darnach für der gemein beklagt,

Die sie zuvor zerreist auf stücken, Ehe wir der weizenernte entrücken. Denn wenn wir vier mond hie gewesen, Müssen wir den weg zurücke lesen,

Und wie der widdr uns anbringt, Also der leu uns hinweg dringt. Sanct Gertraud heißet uns wilkom, Mit Sanct Jacob ziehn wir davon.

Dieweil wir aber im finstern wandern, Samlet sich bei tag ein hauf zum andern, Und jeder klagt, was für ein schand Begangen ist in seinem land,

Damit wir nicht einen mitnemen, Der das ganze heer möcht beschemen. So bald das ghört und gericht ward, Sind wir frölich zur hinnefart;

Wer aber bleibt, der wird zerrissen, Der arn frißt ihn für leckerbissen. Das der mensch gdenk, sein reis sei schwer, Bei got, nicht beim teufel einker,

Wie denn Moses auch davon singt, Der vogel aufzug mit einbringt. Unser sünd machts her und dein grim, Das wir schnel farn, als flögn wir hin.

Billig solt von uns diese tugend Lernen und brauchen alle jugend, So würd uns got mer segen geben. Den hat got lieb im tod und leben,

Wer dankbar ist, sein keuschheit helt, Beid got und menschen wolgefellt. – Es sprach dazu der bunte specht: Mich deucht, es sei auch gut und recht,

Das man jedem das seine laß, Sich keines fremden guts anmaß. Denn weil die raupen, würm und maden, Für gest ankommen ungeladen,

Unersettlich und vermessen, Obs, blumen, bletter und holz fressen, Hat got mich dawider erwelt Und zu ihrem richter bestellt,

Das ich sie fieng und freß dermaßen, Als sie zuvor die andern aßen. Darum ist mein farb schwarz und weiß, Das ich mich der warheit befleiß,

Die lügen meid und heuchelei, Es ist dabei doch kein gedei. Beim schwanz und nacken bin ich rot: Das gewalt endlich gibt den tod.

Dennoch verfürt mich der vorwitz, Das ich mit meines schnabels spitz Ein keskorb brach, darin mich wand, Aß kes und maden wie ichs fand.

Der baur abr war mir zu geschwind, Sich heimlich zu dem korbe findt Und stoßt seinen hut für das loch, Dadurch ich vor zun kesen kroch,

Erhascht mich on barmherzigkeit, Des schnabels spitz auch gar abschneidt, Zog alle federn aus dem flügel, Band mich den kindern an ein zügel.

O wehe des vogels herzeleid, So in der kinder hend gedeit! Dazu rückt er mir alzeit für: Nun mach am korb ein aftertür,

Nun friß mer kes, du bunter specht, Sei darfür meiner kinder knecht! Ich hat vor oftmals hören sagen: Kes essen wer nicht wol zu tragen,

Er macht dem stein und lenden schmerzen; Ich mein, er vertrieb mir das scherzen! Was solt ich tun, ich armer man? Wie ich endlich des stricks abkam,

Sucht ich würmlein und allerlei, Das ich nur wer des todes frei, Bis sie mir ließen meinen gang. Die federn wurden wider lang,

Das ich davon flog in den wald; Kom ihm nicht wider dergestalt! Darum acht ich, es sei das best, Das man jedem das seine leßt,

Nimt verlieb wie uns got ernert, Ob er viel oder wenig beschert; Er hat jedem noch so viel geben, Das wir alle bis daher leben,

Ja kein rab ist hunger gestorben, Obgleich sein gsang nicht viel erworben. Wolt ihr folgen, ich gans euch gern, Sonst setzt ihr euch selbst in beschwern.

Ein reiner mund und reine hand Passieret frei durch alle land."

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