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Das IX. capitel.

Georg Rollenhagen

Bröseldieb antwortet mit zucht: "Die meus haben dis wol versucht, Denn wie Gutkeschen, die stadtmaus, Zur lust einmal spazieret aus,

Alhie ans wasser gangen kam, Das die felomaus Warnfried vernam, Gieng er mit freuden unterwegen Zur ererbietung ihm entgegen,

Hieß ihn freundlich wilkommen sein, Bat, wolt doch zu ihm keren ein Zum kesenbrot und zu eim trunk; Er gönnet seinem herzen jung,

Was er allen wilkommen gesten Zu tun vermöcht in lieb und besten, Denn an dem see wer ser gefer, Also sicher spazieren her. –

Gutkeschen die freundschaft annam, Gieng mit hin zu der eichen stam, Da Warnfried in der wurzel het Durch ein löchlein seins lagers stet.

Bald kam Warnfrieden weib gegangen, Den fremden gast wol zu empfangen, Und ihre liebe kindelein Reichten ihm das poßhendelein,

Nötigten ihn zum nidersitzen. Gutkes fürcht sein pelz zu beschmitzen, Sahe wol um sich nach reiner stet, Ob man nicht da stulpolster het,

Wie er in der stadt war gewont. Das der hausfrauen ser verhont, Legt hin ein bündlein widertan, Das glänzet wie ein roter man,

War aus dem mos rein ausgeklaubt; Nerlich der Guttes noch vertraut Und nach vilen besehn zuletzt Sich darauf zertlich nidersetzt.

Der son aus der mutter geheiß Lief in die nachbarschaft mit fleiß Zu seinem schwager Fürchteschnee, Der seine schwester hat zur ehe,

Zu verkünden den neuen gast, Er wolt auch kommen mit der hast. Der seumt sich auch nicht um ein har, Befal der fraun die sachen gar

Und kam dem gast zu eren an, Erzeigt sich ein willigen man, Setzt selber herzu stül und benk, Riß dabei vil Possen und schwenk,

Den gast damit frölich zu machen, Etwa zu gewinnen ein lachen. Warnfried trug für ein tischlein glat, Gemacht von einem schulterblat

Der todten katzen, weiß poliert, Mit krausemünz ers rieb und schmiert, Damit es frisch zuröch dem gast. Die frau Sparkrümlein eilet fast,

Legt auf ein tischtuch, gar spanneue, Gewirkt aus mattenflachs im heue. Die kinder brachtn teller und brot, Von harten kesen etlich schrot,

Reis, erbsen, bonen, weizenären, Für dem mund ersparet zun eren. Sie wuschen die hend, hieltens gebet, Welchs denn der hauswirt selber tet

Und ließ die kinder sprechen nach; Jeder setzt sich wider gemach. Der wirt legt dem gast frölich für, Sprach: Ihr wolt frisch zugreifen nur,

Hausmanskost euch lassen wol schmecken, Wir wollen honig dazu lecken. – Bot ihm damit eine nußschal, Darin der Honig überqual;

Der stadtjunker den honig leckt, Die speis ihm aber gar nicht schmeckt. Er fragt auch, ob er nicht vom kes Zur lust ein kleines bißlein eß;

Denn das man kes acht ungesund, Hett bei gesunden keinen grund, Weil bei der milch, bei kes und quark Die hirten bleibn gesund und stark,

Dürften weder philn noch bibenellen, Die sonst die bratenfresser quelen. – Der gast antwort: Ich eß ihn wol, Doch wenn ich wil, nicht wenn ich sol.

Umsonst ich nicht Gutkeschen heiß, Die besten ich am liebsten beiß. – Da holt der wirt noch andern mer, Haber und gerstenkörnlein her,

Linsenschrötlein, frischen hanfsamen, Des vorrats mancherlei on namen. Das ganze haus zu schaffen het, Als hielt die mans ihr kindelbet:

Erst warten auf zwo schön jungfrauen, Ob etwas mangelt, aufzuschauen, Giengn zu der küchen aus und ein, Es wolt sich ihrer setzen kein,

Bis der elter son, Meuselman, Von seiner jaged wider kam, Bracht ein secklein vol haselnüß, Der wusch erstlich sein hend und süß,

Hieß die jungfrauen zum wolstand Dem gast an seiner linken hand, Zur mutter an die seiten gehen; Er blieb zum dienst fürm tische stehen

Mit seinem bruder Wettelauf, Der alles half mit tragen auf. Für allem aber spart sich nicht Des wirtes freudig angesicht

Und der hausmutter guter wille, Die alles darreicht mildig stille Und sprach gar freundlich zu dem gast: Mein junker, bitt, euch gfallen last

Unsern armut, so gut wirs haben, Wolt euch mit den hanfkörnlein laben, Sie reumen gar wol um die brust. – Der junker hat dazu kein lust.

Der eidam erzeigt sich manhaft, Bracht ihm ein trunk von birkensaft; Denn wenn anfieng der grüne mai, Bissn sie die birkenrind entzwei,

Unten am stam ein tiefe wund, Daraus der saft entspringen kunt, Lief ins feßlein von großen nüssen, Der ward nachmals gesund und süße,

Hielt leber, nieren, blasen rein, Trieb aus Wasser, gal, sand und stein, Heilet den faulen mundgrind, wunden, Beid getrunken und aufgebunden.

Noch trug man her zum dritten mal Vilerlei nüßlein in der schal, Von haseln, buchen, eichenbeumen, Castanien, kernen von pflaumen,

Die schlaubten die kinder schon rein, Zerlegten sie dem gast fein klein. Der hat ein ekel für dem allen, Was ihm geschahe zu wolgefallen;

Wolt auch gar nichts von dem genießen, Was die kinder hetten gebissen, Sagt, die nüß weren feister art, Kein kern davon verdauet ward,

Blieb so, wie er wer eingenommen, Wolt nicht jederman wol bekommen; Nam doch letzlich für phantasei Von den buchnüßlein einer drei,

Oeffnet dieselb mit sonder zucht, Bis er den fünften schmack versucht. Da aß er der noch etlich mer, Das die eheleut erfreuet ser,

Brachten noch ein stücklein roh speck, Das sie als ein besonder schleck Für einen kranken wolten sparen Und auf die letzte not verwaren;

Wie die provinzrosen sonst stehen, So leibfarb war es anzusehen: Das hat ihr gröster son erworben, Als ein reicher baur war gestorben,

Da er mit auf der gastung war, Die wacht gehalten bei der bar. Zuletzt trug man für ein weintraubn, Davon solt auch der junker klaubn,

Und etliche teige holzbirn, Die fast wolten den schmack verliern. Wie nun da stand das gringst und best, Nichts übrig war im ganzen nest,

Sprach der wirt: Allerbester freund, Wenn ich etwas vermöcht und künt, Das besser wer, ich gans euch gern, Ihr seht, wir sind keine große hern;

Darum wolt ihr nemen verlieb. – Der wort er ser vil davon trieb. Der gast antwort endlich gar prechtig: Unser aller got ist almechtig,

Der alles kan, was er nur wil; Sonst, halt ich, sein der meus nicht vil, Die solche pracht und herlichkeit Der narung haben dise zeit,

Als ich in meiner residenz, Genieß aus güldenen credenz. Und wenn ihr das selbst wolt anschauen Mit euren kindern und der frauen,

So zieht mit mir die stadt hinein, Da woln wir erst recht frölich sein, Essen und trinken herfürlangen, Das etwas anders sol herprangen

Denn diese arme bettelei. Und ihr meint, das nichts bessers sei. Darum komt mit, schaut selber zu, Und wollet ihr euch schaffen ru,

So zieht mit allem zu mir ein; Was ich hab, sol auch euer sein, Weil ihr so freundlich tut mit mir, Al euren vorrat traget für.

Dessen mich warlich jammert recht, Das ihr hie leben solt so schlecht Wie die schwein und die wilde tier; Das ihr nicht dürft, folget ihr mir.

Hats in der stadt nicht besser gstalt Bein menschen denn bei tiern im wald? Ists nicht bequemer, frölich leben, So lang uns got gesundheit geben,

Denn das man auch die gringe zeit Verzer in mühe und traurigkeit? Bedenkt, wie kurz unser leben ist, Wie bald uns der tod alle frist!

Und wenn ihr gleich der narung pracht Aus der gewonheit wenig acht, Weil euch die speis im bauch nicht krimmet, Sondern wol schmeckt und wol bekümmet,

Solt ihr doch wol haben in acht, Was ihr zu der bösen zeit macht, Wenn aus der luft odr aus unfal Krankheit euch übereilt einmal,

Wo man für euch und eure kind Ein wund- und auch leiberzten find, Und wenn ihr ihn wolt holen lassen, So fordert er geld übermaßen,

Oder nimt daheim so viel zeit, Bis das ihr al gestorben seid; Da wir in der stadt solcher leut Bei der tür viel habn jederzeit.

Wenn euch weh tet haupt oder zan, Was wolt ihr immer fangen an? Wo habt ihr freund, die zu euch sehen, In leid und freuden bei euch stehen?

Ueber das ist zu aller zeit Im feld große unsicherheit Für feur, für dieb, für kriegesknecht, Für der grimmigen tier geschlecht,

Dawider ein gring anzal man Sich in der not nicht schützen kan. Die stadt abr hat viel rat und hend, Türn und wechter, mauren und wend,

Da schleft man sicher bei dem braten, Drum zieht mit mir, ist euch zu raten. – Warnfried antwortet: Wer ein stet, Die für den tod versichrung het,

Wolten wir daselbst alle wonen, Aber der tod wil niemand schonen, Und sonderlich in euer stadt Man teglich vil zu graben hat,

Wie ich vernem aus dem geleut. Die erznei gibt al tag ausbeut, Jeder junger doctor muß haben Ein neuen kirchhof zum begraben.

Dazu hilft auch euer wolleben, Jeder wil sich auf faulheit geben. Unser meßigkeit uns gedeiet, Arbeit uns von Krankheit erfreiet

Und verdauet al böse sachen, Die sonst dem leib viel unlust machen. Doch bin ich nicht so ungeschlacht, Das ich nützlich erznei veracht;

Nur such ich sie nicht vor der tür, Ich hab selbst einen doctor bei mir, Der ist mein lieber schlafgesell, Auf den ich, nächst got, alles stell:

Mein liebes weib, die alles kan. Was man bedarf für kind und man, Was für diener und vieh gehört. Ihr großmutter hat sie gelert

Und ihr mutter mit allem fleiß; Darum sie auch dasselb wol weiß, Was einem für erznei ist gut, Dem kopf oder ein zan wehe tut.

Al freundschaft auch weit übertrift Ein from weib, das nichts böses stift. Wenn alle freunde von dir gehen, Wird sie getreulich bei dir stehen,

Alles mit wagen, freud und leid, Zu deinem dienst alzeit bereit. Wo ward auch stadt und fest im land Nicht ehemals bekriegt und verbrant,

Der wirt beraubt, ermordt, gefangen? Wie ists fürsten und herren gangen, So hernach viel klagen getrieben, Das sie nicht frei im feld geblieben?

Was hilft wechter, rat, beistand, macht, Wenn got nicht selber schützt und wacht, Der auch sein hand almechtig helt Ueber die, so wonen im feld!

Derhalb darf ich die stadt nicht suchen Und mein gering wonung verfluchen, Die mir großvater und vater ließ Und mich erblich bewonen hieß,

Sondern bin damit wol begnüget, Was mir der liebe got zufüget. Gnüge ist besser denn zu viel, Wenn mans nur recht bedenken wil.

Und mein gut ist dahin gericht, Das mans genieß, verschlemme nicht; Denn viel vertun und wenig werben, Ist ein guter weg zum verderben.

Jedoch wenn ich ein beßrung wüst, So kriegt ich noch zu wandern lust. Was du jetzt hast, halt stets für gut, Und streb nach dem, das besser tut.

Das best man billig welen sol, Das bös komt von ihm selber wol, Sagten die weisen ingemein. Ich wil mit dir ziehen hinein,

Die glegenheit selber beschauen, So weiß ich, wem ich sol vertrauen. –"

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