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1908

Eine Zuschauerin im Flughafen

Joachim Ringelnatz

„Nie wieder wird's Menschen geben, Die so viel erleben, Wie wir, in unsrer gigantischen Zeit! Der Weltkrieg und die ihm folgenden Leiden –

Wird keiner auch uns darum beneiden – Haben doch alles, was in der Welt Früher geschah, in den Schatten gestellt. O unsre Zeit! Und speziell unser Land!“

Der Platzleiter bückte sich, hob galant Ein Buch auf, gab's mit der linken Hand Der Dame zurück, nicht mit der rechten. (Er war im Kriege in Luftgefechten

Dreimal abgeschossen und rühmlichst bekannt.) „Danke. – Ach, wie der Gedanke erhebt: Nie wird – nie hat eine Generation Soviel Erfindungen neu erlebt.

Denken Sie nur an Edison, An Fahrrad, Auto und Grammophon, An Kino, Radio, Röntgenstrahlen, Schon Trambahn, Rohrpost und Salvarsan.

All das hat unsere Zeit getan! Und was noch folgt, ist kaum auszumalen. Wir schreiten weiter von Siegen zu Siegen. Nicht Fortschritt mehr, sondern Fortflug. Wir fliegen

Empor. Wir werden zu höheren Fernen Schweben, zum Mars und zu sämtlichen Sternen. Wir werden vielleicht Die alleräußerste Peripherie

Des Weltalls erreichen. – – Ich danke Ihnen, das haben Sie Und Ihresgleichen Durch Ihr Genie und durch Mut erreicht.“

Die Dame schwieg, und sie fächelte Mit ihren Armen, als wollte sie fliegen. Der Flugplatzleiter lächelte. „Bin oft nach der Sonne zu aufgestiegen“,

So sagte er heiter, „Doch zog sie sich immer um jedes Stück Meiner erstrebten Annäherung weiter Und höher zum alten Abstand zurück.“

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