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1908

Die Waisenkinder

Joachim Ringelnatz

Zwanzig grobe Strohhüte gehen Zwei und zwei wie Militär. Zwanzig schwarze Pelerinchen wehen, Als wenn's zum Begräbnis wär.

Magre Lehrerin voraus, Hinten magre zweite, Eine dritte an der Seite, Also zieht aus engem Haus

Eine Schlange in die Weite. Hilfe! Mideid! Und Beschwerde! Zwanzig arme Waisenkinder, Streng getrieben, eine Herde

Junger Rinder –. Weil mich meine Mutter knufft, Und um Stärkres zu vermeiden, Sag ich: „Ja, man läßt sie weiden

In der frischen, freien Luft.“ „Weiden? – Dummheit! Siehst du nicht, Was hier vorgeht, roher Bengel! Junge Blumen brauchen Licht,

Wärme, Erde, Wurzel, Stengel –.“ „Manche brauchen Mist, Mama, Weil sie anderes vermissen, Und der ist – wer kann es wissen –

Hier vielleicht sehr reichlich da.“ Meine Mutter ruckt, – schluckt: „Treibt mit diesen Engeln Spott! Und mich will er nicht verstehen.

Warte, dir wird's schlimm ergehen! Und das wünsch ich dir. Bei Gott.“ Meine Mutter dreht Rücken zu und geht.

Und nun sauf ich wo, wo keine Rinder, Blumen, Engel sind, Bin für mich oder für meine Mutter Naseweisenkind.

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