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1908

Der Seriöse

Joachim Ringelnatz

Wo ich abends Weißwürste fresse, Da sitzt oft drei Tische weit Vor mir ein Herr von Noblesse, Sehr groß, sehr ernst und sehr breit.

Sein Haar und Bart, seine Kleidung Sind einwandfrei und gepflegt, Wie er unter steter Vermeidung Sich einwandfrei sicher bewegt.

Wie ihn die Kellner bedienen, Ist er ein Fürst oder reich. Doch bleibt das Spiel seiner Mienen Jederzeit würdig und gleich.

Wenn diese würdig seriöse Erscheinung vorübergeht, Dann ist mir, als ob mein Gekröse In Hirn und Leib sich verdreht.

Denn wenn er mit seinen Blicken Mich streifte – das fühle ich klar –, Ich würde zusammenknicken Und nimmer sein, was ich war.

Doch ohne seitwärts zu schauen, Schreitet er durchs Lokal. Seine gerunzelten Brauen – Wie alles an ihm – sind aus Stahl.

Und seine Schritte lenken Sich dahin, wohin man nicht sieht. Ich wage nicht auszudenken, Was er dort etwa vollzieht.

Ach, ich bin klein, ich bin böse. Mein Herz ist auch nicht ganz rein. Ach dürfte ich solche seriöse Persönlichkeit einmal sein!

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