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1908

Am Hängetau

Joachim Ringelnatz

Das Hängetau ist lang und steil. Jedoch die Übung an dem Seil Ist heilsam und veredelt. Dieweil du kletterst, wächst das Tau

Dir hintenraus und wedelt A la Wauwau. Marie, die unten nach dir blickt, Kommt mit der Quaste in Konflikt.

Ich wette um ein Faß Gelee: Drei Meter über der Erden Erfaßt dich plötzlich die Idee, Du möchtest Seemann werden.

Der Kletterschluß mißlingt dir freilich. Er klingt auch häßlich papageilich. Schon dieserhalb und um so mehr Schwankst du verzweifelt hin und her,

Als atemloser Pendel. Und jäh umgibt dich in der Luft Ein unartikulierter Duft Sehr abseits von Lavendel.

Und dann erreichst du ganz verzagt Den Balken unter Pusten, Und weil Marie von unten fragt, Und weil die Stimme dir versagt,

So fängst du an zu husten. Die Dame frägt ob schwindelfrei Und schüttelt die Manilla. Du mimst voll Angst und Heuchelei

Den schwärmenden Gorilla. Doch weil allmählich Zeit vergeht Und nirgends eine Leiter steht, Entschließt du dich voll Grausen

Und präsentierst dein Hinterteil Und angelst lange nach dem Seil Und läßt dich plötzlich sausen. Du plumpst der Dame auf die Brust

Und tust, als tätst du das bewußt, Und blähst dich wie ein Segel. Und nickst ein heiteres Allheil! Und lachst und fühlst dich doch derweil

Teils Burschenschaft, teils Flegel. Kein Mädchen, nicht einmal die Braut, Sieht gerne Hände ohne Haut.

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