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1900

Vor-Ostern

Rainer Maria Rilke

Morgen wird in diesen tiefgekerbten Gassen, die sich durch getürmtes Wohnen unten dunkel nach dem Hafen drängen, hell das Gold der Prozessionen rollen;

statt der Fetzen werden die ererbten Bettbezüge, welche wehen wollen, von den immer höheren Balkonen (wie in Fließendem gespiegelt) hängen.

Aber heute hämmert an den Klopfern jeden Augenblick ein voll Bepackter, und sie schleppen immer neue Käufe; dennoch stehen strotzend noch die Stände.

An der Ecke zeigt ein aufgehackter Ochse seine frischen Innenwände, und in Fähnchen enden alle Läufe. Und ein Vorrat wie von tausend Opfern

drängt auf Bänken, hängt sich rings um Pflöcke, zwängt sich, wölbt sich, wälzt sich aus dem Dämmer aller Türen, und vor dem Gegähne der Melonen strecken sich die Brote.

Voller Gier und Handlung ist das Tote; doch viel stiller sind die jungen Hähne und die abgehängten Ziegenböcke und am allerleisesten die Lämmer,

die die Knaben um die Schultern nehmen und die willig von den Schritten nicken; während in der Mauer der verglasten spanischen Madonna die Agraffe

und das Silber in den Diademen von dem Lichter-Vorgefühl beglänzter schimmert. Aber drüber in dem Fenster zeigt sich blickverschwenderisch ein Affe

und führt rasch in einer angemaßten Haltung Gesten aus, die sich nicht schicken.

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