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1900

Venezianischer Morgen

Rainer Maria Rilke

Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer, was manchesmal uns zu bemühn geruht: die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,

sich bildet ohne irgendwann zu sein. Ein jeder Morgen muß ihr die Opale erst zeigen, die sie gestern trug, und Reihn von Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale

und sie erinnern an die andern Male: dann giebt sie sich erst zu und fällt sich ein wie eine Nymphe, die den Zeus empfing. Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre;

sie aber hebt San Giorgio Maggiore und lächelt lässig in das schöne Ding.

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