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1900

Leichen-Wäsche

Rainer Maria Rilke

Sie hatten sich an ihn gewöhnt. Doch als die Küchenlampe kam und unruhig brannte im dunkeln Luftzug, war der Unbekannte ganz unbekannt. Sie wuschen seinen Hals,

und da sie nichts von seinem Schicksal wußten, so logen sie ein anderes zusamm, fortwährend waschend. Eine mußte husten und ließ solang den schweren Essigschwamm

auf dem Gesicht. Da gab es eine Pause auch für die zweite. Aus der harten Bürste klopften die Tropfen; während seine grause gekrampfte Hand dem ganzen Hause

beweisen wollte, daß ihn nicht mehr dürste. Und er bewies. Sie nahmen wie betreten eiliger jetzt mit einem kurzen Huster die Arbeit auf, so daß an den Tapeten

ihr krummer Schatten in dem stummen Muster sich wand und wälzte wie in einem Netze, bis daß die Waschenden zu Ende kamen. Die Nacht im vorhanglosen Fensterrahmen

war rücksichtslos. Und einer ohne Namen lag bar und reinlich da und gab Gesetze.

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