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1900

1.

Rainer Maria Rilke

Das hohe Tor scheint keine einzuhalten, die Brücke geht gleich gerne hin und her, und doch sind sicher alle in dem alten offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr

aus ihren Häusern, als auf jenem Streifen zur Kirche hin, um besser zu begreifen warum in ihnen so viel Liebe war. Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen,

so gleich, als wäre nur das Bild der einen tausendmal im Choral, der tief und klar zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern; und ihre Stimmen gehn den immer steilern

Gesang hinan und werfen sich von dort, wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort, den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben. Drum sind die unten, wenn sie sich erheben

und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend Empfangenden, geweihtes Wasser, das die Stirnen kühl macht und die Munde blaß.

Und gehen dann, verhangen und verhalten, auf jenem Streifen wieder überquer – die Jungen ruhig, ungewiß die Alten und eine Greisin, weilend, hinterher –

zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen und die sich durch die Ulmen hin von Zeit zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit, in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.

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