Skip to content
1827

Sonnengruß

Friedrich Rückert

Wann mein Liebchen mit dem schlanken Wuchse meinem Grab sich naht, Wird Cypressenschatten wanken, Wo ich schlummre, früh und spat.

Eh' um mich die Schatten sprießen, Die kein Sonnenblick durchbricht, Will ich die Cypress' umschließen, Die ums Haupt sich Rosen flicht.

Durch den Himmel geht die Sonne, Rufet, eh' ins Meer sie taucht: Leuchten wollt' ich dir zur Wonne; Wie hast du mein Licht gebraucht?

Morgen werd' ich wiederkommen, Und mein Licht ist ewig jung, Doch für dich umsonst erglommen, Wenn du schläfst in Dämmerung.

Heb' in meinem letzten Strahle Noch einmal den Becher hoch. Glücklich, wer die volle Schale Hat am Mund und durstet noch.

Kannst du trinken, kannst du lieben, Thu's nicht morgen, thu' es heut. Gutes Werk auf morgen schieben, Hat schon mancher Thor bereut.

Nicht Verlorenes beschwöre, Nutze deinen Augenblick, Laß der Zukunft ihre Flöre Und bereite dein Geschick.

Sprich ein Wort zu guter Stunde, Daß die Zeit hinüber schwebt, Zeugend in der Nachwelt Munde, Daß du hast und wie gelebt.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Sonnengruß · Friedrich Rückert · Poetry Cove