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1827

[Ich weiß nicht, ob es mich heute]

Friedrich Rückert

Ich weiß nicht, ob es mich heute Betrübte mehr oder freute, Als ich ging durch die Kammer; (Es war eine Freud' im Jammer)

Wo noch stehn aufgeschlagen Die Bettchen, in welchen lagen Die Beiden, die nun liegen In übergrünten Wiegen.

Ohne dahin zu sehen, Wollt ich vorübergehen. Da traf mein Ohr ein Girren, Ein sanftes Rauschen und Schwirren,

Und hin mußt ich mich wenden. Da sah ich an den Enden Der Bettlein (soll ich's glauben Den Augen?) ein Paar Tauben,

Die sich in Eintracht wiegen, Sich an einander schmiegen, Und die Köpflein mit Schweigen Gegen einander neigen,

Ganz wie einst jene thaten, Die ich schwer muß entrathen. Bild der Geschwisterliebe, Bist du ein Schein, zerstiebe!

Doch lebet ihr und leibet, So saget mir, und bleibet, Wo seid ihr her gekommen? Doch ich hab' es vernommen:

Für die Küche gekaufet, Seid ihr nur ungeraufet Darum bisher geblieben, Weil ihr Spiel mit euch trieben,

Und dieses Nest euch gaben Die unbefangnen Knaben, Und hier euch reichten Futter, Mit halbem Willen der Mutter,

Hinschiebend von Tag zu Tage Euere Niederlage. Nun aber, dem Ort zu Ehren, Will ich euch ganz abwehren

Das Messer von der Kehle Mit Hausvaterbefehle. Der heiligen Freistatt wegen Sollen die Brüder euch pflegen

Stets mit dem reifsten Korne, Und dem frischesten Borne, Daß ihr tunket und picket, Schlucket und euch erquicket,

Und danket mit Geflister Wie ihre rechten Geschwister. Sie sollen auch vor der Tatze Der taubenmordenden Katze

Fein euere Schwelle hüten, Bis ihr groß seid zum Brüten. Dann brütet hier, wenn ihr wollet; Doch wenn ihr's wo anders sollet,

Und mögt nicht bei uns bleiben, Dort durch die gebrochnen Scheiben Entfliegt zum Himmelsbogen, Wie jene uns einst entflogen.

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