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1788–1866

90.

Friedrich Rückert

Horch, das Gewitter braust, des Donners Scheltwort rollt Dem rothen Blitz nach, der ein Blick des Zornes grollt. So früh im Jahr, eh neu zum Leben sich verbündet Der Elemente Kraft, ist schon ihr Kampf entzündet.

Was in der Gährung sonst der Sommerglut erwacht, Ist nun im schwellenden Lenzäther angefacht. Vorüber fahren sie vor deinem Aug' und Ohr, Das sie erschreckt vernahm, dann spurlos sie verlor.

Und also meinst du wol, daß sie auch ohne Spur Vorüberfahren der erwachenden Natur. Doch eine Spur davon, und ich will sie dir deuten, Wird bleiben, die bemerkt nicht wird von vielen Leuten.

Der Kukuk, der den Sang jetzt rüstet, um zu locken Die Blätter aus dem Wald, hört und verstummt erschrocken. Und der Verstörung wird er diesen Lenz nicht frei, Und seines vollen Klangs entbehrt der blüh'nde Mai.

Doch die Kastanie, die eben sich erkeckte, Und eine Blütenkerz' auf ihren Leuchter steckte, In der verschmolzen blühn soll Weiß und Gelb und Roth, Erblaßt vor Furcht, wie sie der rothe Blitz umloht.

Wenn nun die Kerz' erblüht, so scheint sie dir dieselbe, Ich aber seh', es fehlt das Roth im Weiß und Gelbe.

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