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1788–1866

71.

Friedrich Rückert

Der Vorzeit Sprache sei dir heil'ge Hieroglyphe, Die du bewahren mußt stumm in des Busens Tiefe. Sie lebet nicht im Ohr, sie schwebet nicht vom Munde; Sie dringt vom Grab hervor, und klingt im Herzensgrunde.

Die Jünger mühen sich mit nicht'ger Eitelkeit Zu haschen einen Klang, den längst verweht die Zeit. Sie suchen ihren Mund recht närrisch zu verrenken, Um mit erzwungnem Laut Buchstaben zu beschenken.

Sie denken, so den Geist des Lebens einzusenken Dem Buchstab, den sie sich als einen todten denken. Was werden sie mit der Beschwörungskunst erreichen, Wenn zu Scheinleben sie erwecken Wörterleichen?

Das geist'ge Bild entsetzt sich vor der Körperfratze, Und selbst erkennt sich nicht die Sprach' in dem Geschwatze. Du danks dem Geiste, der, weil eben mußt' entweichen Der Stimme Klang, sich selbst befestigt hat im Zeichen.

Den Vätern dank' es, die vernehmlich ihren Söhnen Sich über Zeit und Raum kund thun, doch nicht in Tönen. Wie einst die Töne selbst in ihrem Sinn erklungen, Das bild' in deinem Sinn, nicht mit dem Spiel der Zungen.

Den Kindern laß das Spiel, du höre mit dem Geist, Und wisse, daß du nur durch Geist den Geist befreist. Der Urwelt Sprache thut dir kund mit Geisterhauch Nicht nur den innern Sinn, den innern Wohllaut auch.

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