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1788–1866

65.

Friedrich Rückert

Sieh diese Muschel, Kind, gewunden, glänzendroth, Und sag' ob Menschenkunst je baute solch ein Boot! Als noch der Steuermann darin, der Nautil, lebte; Wie sicher und gewandt durchs Meer der Nachen schwebte!

Schiffkuttel hieß er auch, und nie hat Schiff und Kutter Es ihm wol gleich gethan, wenn er schwamm aus auf Futter. Man sagt, es hat von ihm der Mensch gelernt das Schiffen, Doch hat er von der Kunst nur einen Theil begriffen,

Und braucht dazu viel mehr Gezeug, Geräth, Gerüst, Als unser Nautil, der sich selber Alles ist. Wenn eben war die Flut, und es ihm dünkte gut Zu schiffen, rüstet' er sein Schifflein wohlgemut.

Von seinen Aermen, den in großer Zahl verliehnen, Streckt' er ein Paar empor, zu Masten ihm zu dienen. Und zwischen ihnen dehnt' er aus nach rechter Regel Ein Häutchen zart und fein, das schwoll im Wind als Segel.

Als Steuer ist ins Meer ein andres Glied getaucht, Und Ruder rechts und links, soviel er immer braucht. Gliedmaßen blieben ihm frei immer noch genug, Zu haschen einen Raub auch im Vorüberflug.

Wann aber naht ein Feind, wann droht ein Ungewitter, Wovor ein Menschenschiff verzagt und geht in Splitter; Dann zeigt weit ihre Macht ob aller Kunst Natur: Sich selbst und sein Geräth zieht ein der Kuttel nur.

Meerwasser nimmt er ein, nicht fürchtend zu ertrinken; Statt Untergang dient ihm zur Rettung das Versinken. Zum ewig stillen Grund versinkt er ohne Grausen, Und wartet bis sich legt der Oberfläche Brausen.

Dann taucht er wieder auf im umgestülpten Nachen, Der Taucherglocke gleich, um nun die Fahrt zu machen. So, lang gesegelt und gesteuert ist sein Schiff, Und seine Ribben wund gerieben hat kein Riff.

Und als der Tod gebot dem Bootsmann doch sein Boot Zu räumen, blieb der Raum der leere glänzend roth. So ist es dir, mein Kind, zum Spiel ans Land geschwommen, Und seine Farben sind nach Jahren unverglommen.

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