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1788–1866

51.

Friedrich Rückert

In einem Hause wohnt' ein armes Hausgesind, Das Hündlein und der Knecht, der Vater und das Kind. Der Herr des Lebens kam zu schaun der Menschen Noth, Als Bettler prüft' er sie und forderte ein Brot.

Der Herr sprach: Gib ihm eins! der Knecht sprach: dir ist kund, Vier Brote sind im Haus, je eins für einen Mund. Der Herr sprach: Gib ihm, das gespart war meinem Mund, Und aufbewahrt sei das für dich, für Kind und Hund.

Der Knecht mit Zögern gabs; er nahm's und kam zurück, Ein zweites fordert' er. „Gib ihm ein zweites Stück. Recht muß dem Diener seyn, was seinem Herrn ist recht; Laß das für Kind und Hund, und gib ihm deins, mein Knecht.“

Der Knecht mit Freuden gabs; er nahm's und kam zurück, Ein drittes fordert' er. „Gib ihm das dritte Stück. Daß es Enthaltsamkeit von seinem Vater lerne, Gib hin des Kindes Stück!“ Der Diener gabs nicht gerne.

Das Kindlein lacht' und gabs; er nahm's und kam zurück, Ein viertes fordert' er. „So gib das letzte Stück! Hab' ichs dem Knecht, dem Kind und meinem eignen Munde Entzogen, darf ichs wol entziehn auch meinem Hunde.“

Geduldig gabs der Knecht; er nahm's und kam nicht wieder, Doch draußen in der Luft rauscht' es wie Lenzgefieder. Ein goldner Regen floß herab vom Himmelsraum, Wo er die Flur begoß, da wuchs empor ein Baum.

Der Herr des Lebens saß im Wipfelzelt und sprach Mit sanftem Rauschen: Gern gabt ihr, was euch gebrach. Drum soll des Lebens Brot hinfort euch nie gebrechen, Und gern gebt allen es, die meinen Namen sprechen.

Ihr sollt den Acker drum nicht pflügen oder hacken, Sä'n, schneiden oder mähn, dann dreschen, mahlen, backen. Von selbst ein mehl'ger Kern, gebacken und gewürzt, Wächst euch das Brot am Baum, in Fruchtgestalt geschürzt.

Vier Brote trägt der Baum, und jedes füllt im Raum Des Jahres seinen Mund; das ist der Brotfruchtbaum.

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