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1788–1866

46.

Friedrich Rückert

Die Sprache wirst du bald unter- bald überschätzen, Jenach du willst in sie und aus ihr übersetzen. Denn jede hat in sich etwas Unübersetzbars, Das dann bei dem Versuch dir scheinet ein Unschätzbars.

Und wie dein Geist sich mit der Uebertragung quält, Scheint seine Sprach' ihm arm, weil grade das ihr fehlt. Doch übersetz' aus ihr, so findest du sie reich; So findest du zuletzt die zwei ungleichsten gleich;

Verschiednen Blumen gleich, in ihrer Art vollkommen, Daß nichts hinzugethan kann seyn noch weggenommen. Es wäre doch, beim Lenz! ein seltsames Ergetzen, Rosen in Mohn und Mohn in Rosen übersetzen.

In fremder Sprache sieht befremdlich Alles aus, Wie alles ungewohnt im unbekannten Haus. Doch willst du dir daselbst gefallen als ein Gast, Mußt du vergessen daß zu Haus du's anders hast.

Dann von dem fremden Schmuck, soviel dir mag behagen, Magst du in deinem Sinn mit dir nach Hause tragen, Und dort anbringen, was du dir hast eingeprägt, Soweit es sich mit Hausbequemlichkeit verträgt.

Dazu nützt der Verkehr der Sprachen und Gedanken, Daß man erweitert, wenn schon auf nicht hebt, die Schranken. Beschränktheit nur ist arm, Beschränkung aber reich; Wer etwas seyn will, kann nicht alles seyn zugleich.

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