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1788–1866

32.

Friedrich Rückert

Wenn du ein bergiges Gelände steigst empor; Als steigest du hinab, kommt dirs zuweilen vor. Denn bis von einer Höh zur andern wird gestiegen, Gehts über Senkungen, die zwischen beiden liegen.

Und eh nicht, als erreicht der andre Gipfel ist, Erkennest du, daß du gestiegen wirklich bist. Die Aussicht, schon zuvor gewonnen, dann geschwunden, Hat wieder nun, und zwar erweitert, sich gefunden.

Doch auch zur Niederung wo du dich schienst zu neigen, In Wahrheit warst du dort begriffen schon im Steigen, Nur niedrer im Bezug auf das woher du kamest, Höher an sich, weil du den Weg zur Höhe nahmest.

Es ist naturgemäß der Weg, o geh ihn nur! Selbst keinen andern ist gegangen die Natur, Als sie mit Bildnertrieb und schöpferischem Witze Durchs Reich der Formen klomm von Spitz' empor zu Spitze.

Sie konnte nicht umhin, in ihrem Vorwertsstreben Sich hier zu senken, um dort wieder sich zu heben. Sie hatte sich vom Gras mit windgeknicktem Halme Emporgehoben schon zum stolzen Schaft der Palme.

Dann hat sie sich bequemt und sich herabgelassen, Mit Bildungen von Kraut und Strauch sich zu befassen. Sie dacht' an Palmen nicht zurück beim niedern Strauch, Sie dachte vorwerts an der Rose Liebeshauch.

Und als sie hingelangt zum Götterbild der Rose, Stieg sie von ihm hinab, und schuf den Wurm im Moose. Der Rose dachte sie beim Würmlein auch nicht mehr; Sie dacht', indem es lebt', ein ganzes Lebensheer.

Ein großer Rückschritt schien von dort zu hier gethan, Der gröste Vorschritt war die Senkung ihrer Bahn. Und als hinauf, hinab, die Ordnungen von Thier Zu Thier hindurch, sie kam zu Löwe, Roß und Stier;

Da sann sie deren Herrn und ihren zu erschaffen, Und schuf zur Menschenvorbereitung erst den Affen. Das war der tiefste Fall, den sie zuletzt gethan, Um sich zum höchsten Schwung zu heben himmelan.

Drum tröst' ein Künstler sich, wenn ihm ein Bild mislingt, Ist er sich nur bewußt, daß er zum Höchsten ringt.

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