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1774

Klaglied eines österreichischen Bettelmönchs

Joseph Franz Ratschky

O Brüder, ringt Die Händ', und singt Ein kläglich Miserere! Wir sind besiegt:

Es unterliegt Des grauen Mönchthums Ehre. Wehklagt, und weint! Der böse Feind

Singt ringsum Siegeslieder. Man beut, o Gräul! Schon Klöster feil, Und reisst Kapellen nieder.

Manch Heiligthum, Wo Gottes Ruhm Einst aus verborgnen Zellen Zum Himmel drang,

Tönt vom Gesang Zuchtloser Kriegsgesellen. Wo unser Chor Des Seraphs Ohr

So oft entzückt, bereiten Profane nun Sammt und Kattun Nebst andern Üppigkeiten.

Voll Übermuth Nennt uns die Brut Der Witzlinge Phantasten, Und lehret frey:

Arbeiten sey Verdienstlicher als Fasten. Der Layen Schaar Will itzt sogar,

Als ob wir Knaben wären, Wie Doktor Bahrdt Nach neuer Art Die Bibel uns erklären.

Man raubt, o Graus! Das Gold im Haus Des Herrn von allen Wänden, Und schmilzt es ein:

Selbst unser Wein Ist in profanen Händen. Kein Gnadenbild, Kein Ablass füllt

Den Schlund der Opferstöcke, Und in Verfall Ist überall Das Ansehn unsrer Röcke.

O wenn vorhin Ein Mönch erschien, Wie neigten Männer, Weiber Und Kinder sich

Andächtiglich, Als kämen heil'ge Leiber! Und nun, nun lacht Ob unsrer Tracht

Der leidige Profane, Und mancher spricht: Ey! sind das nicht Verkappte Paviane?

Mit milder Hand Gab rings durch's Land Einst manche fromme Vettel Uns Butter, Schmalz,

Speck, Mehl und Salz Für einen Lukaszettel. Für ein paar Loth Geweihtes Brod,

Für Ablassbrief' und Gürtel Erhielten wir Wein, Most und Bier Und fette Kälberviertel.

Nun aber hält Die böse Welt Nicht viel von solchen Sachen, Und wagt es, sie,

O Blasphemie! Als Possen zu verlachen. Die goldne Zeit Der Geistlichkeit

Ist wie ein Traum vergangen: Ach, ach, ach, ach! Ein Thränenbach Rollt über meine Wangen.

Mit Recht beugt Scham, Verdruss und Gram, O Brüder, unsre Seelen; Denn, aufgehäuft

Gleich Bergen, läuft Die Flut uns in die Kehlen. Das blöde Rom Kann selbst dem Strom

Der Zeit nicht widerstehen, Und siehet bang Den Untergang Der geistlichen Armeen.

Seit sich der Geist Des Layen dreist Zu denken unterwunden, Wird rings umher

Kein Glaube mehr In Israel gefunden. Durch uns erweicht, Liess Gott einst leicht

Die Menschen Gnade finden; Denn Fraun und Herrn Bezahlten gern Mit Messgeld ihre Sünden.

Doch jetzt nimmt auch Der fromme Brauch Des Messgelds ab: drum wächst die Ruchlosigkeit

Der Christenheit, Zumal in puncto sexti. Wie lang verzieht Der Herr, und sieht

Geduldig durch die Finger? Trift denn kein Blitz Vom Wolkensitz Des Höchsten Satans Jünger?

Doch tröstet euch! Ganz wird das Reich Der Mönche nie sich enden: Diess, Brüder, ward

Uns offenbart Durch unsere Legenden. Entweder droht Krieg, Hungersnoth

Und Pest dem bösen Samen: Wo nicht, so ist Der Antichrist Das letzte Mittel. Amen!

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