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1774

Amor und der Tod

Joseph Franz Ratschky

Der Tod, ein alter hagrer Mann, Traf einst zur Nachtzeit auf der Reise Den jungen kleinen Amor an. Ein Regenguss, der eimerweise

Aus einer Wetterwolke drang, Und Rheens irdenes Gehäuse Dem Weltmeer ähnlich machte, zwang Die zween berittnen Bogenschützen

Vor einem Gasthof abzusitzen. Weil es kein klügres Mittel gab, Als willig hier zu übernachten, So legten sie die Köcher ab,

Und liessen sich ein Ferkel schlachten. Nachdem ihr kleiner Abendschmaus Verzehrt war, zogen die zween Gäste, Vor Schlummer gähnend, die durchnässte,

Vom Regen schwere Kleidung aus, Versenkten tief sich in ein niedlich Bepfülbtes Bett, und pflegten friedlich Des Schlafes, der mit raschem Flug

Sie bald in's Reich der Träume trug. Die Wirthinn, der der blinde Bube Samt dem verdorrten Greis, der ihn Begleitete, verdächtig schien,

Schlich nun aus Neugier in die Stube. Sie steckte bald in Amors Pack, Bald in des Todes Mantelsack Die mit dem feinsten Brillenglase

Zu diesem Zweck verseh'ne Nase, Und leert', als sie die Köcher fand, Auf's Tischchen, wo die Lampe stand, Die Pfeile forschend hin, als plötzlich

Der schelmische Beelzebub Kupido träumend ein entsetzlich Geheul in seinem Bett erhub. Betroffen las sie nun in Eile

Die blindlings ausgeleerten Pfeile Zusammen, die beym matten Schein Der Lampe sich so arg verwirrten, Dass in Kupidens Köcherlein

Des Todes Pfeile sich verirrten, Und manches Pfeilchen Amors sich Mit in des Todes Köcher schlich. Seit diesem feinen Abentheuer

Sieht man, dass, gleich dem jüngsten Freyer, Der Graukopf nun um Liebe wirbt, Und oft zu früh der Jüngling stirbt, Weil itzt der Tod aus seinem Köcher

Kupidens Pfeil' auf alte Schächer Aus Irrthum oft zu schleudern pflegt, Und mit des Knochenmannes Pfeilen Der kleine blinde Gott zuweilen

Dem Jüngling Todeswunden schlägt.

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