Skip to content
1774

Alxingers Traumgelicht

Joseph Franz Ratschky

Als jüngst des Schlafes sanfte Hand Mit Dunkel mir das Aug' umhüllte, Erbebten plötzlich Thür' und Wand: Ein sonnenheller Schimmer füllte

Mein Schlafgemach, und sieh! es stand Ein Jüngling mir erhabnen Mienen, Die hold mich anzulächeln schienen, Vor mir an meines Bettes Rand.

An seinem rothen Feyerkleide, Das um die Hüft' ein Silberband Umschlang, erkannt' ich, halb von Freude Und halb von Furcht betäubt, in ihm

Wiens Genius. Mit Ungestüm Wollt' ich zu seinen Füssen fallen: Doch freundlich eilt' er mir zuvor, Umfieng mich, und mit frohem Ohr

Hört' ich die süssen Worte schallen: „O du, dem Gott Apoll schon früh Der Pierinnen goldne Leyer Und ein empfänglich Herz verlieh,

Der du, beseelt vom Götterfeuer Der schöpferischen Phantasie, Jüngst deines Doolins Abentheuer So reitzend sangst, dass am Parnass

Das Chor der ältern Musenpriester Und der entzückten neun Geschwister, Frohlauschend rings im Kreise sass, Ja selbst der rohe Flussgott Ister

Sein Haupt aus blauen Fluten hob, Durch eines höhern Wesens Lob Den Kaltsinn Wiens, das deutsche Lieder Noch stäts für Possen aus Paris

Vertauschet, zu beschämen, liess Ich vom Olympe mich hernieder. Laut würde deines Namens Ruhm In Josephs fernstem Eigenthum

Von wonnetrunknen Lippen tönen, Wenn Wien den holden Musensöhnen So günstig wär', als einst Athen, Und auf Germaniens Kamönen

Die Grossen nicht mit kaltem Gähnen Und sprödem Stolze niedersähn. Doch ach! in unserm Vaterlande Regt leider! in des Adels Brust

Sich bloss der Hang noch träger Lust Und nach des Prunkes eitlem Tande. Wenn Titan fast im Mittelraum Des Himmels wallet, und der Saum

Des Schattens um und um sich enger Zusammenziehet, ringt noch kaum Der hochgeborne Müssiggänger Sich aus des Bettes weichem Pflaum,

Und wenn er seine schlaffen Glieder, Ein paarmal gähnend, auf und nieder Geschleppet, fängt er endlich nun Sein Tagwerk an. Sein erstes Thun

Ist, mit dem schwarzen Saft der Bohne, Den die beglückte warme Zone Arabiens für schimmernd Gold Dem fernen Europäer zollt,

Und ein der reitzenden Dione Geweihtes Mädchen aufgetischt, Und mit dem Fett der Milch gemischt, Den leckern Gaumen zu erfreuen,

Und Milchbrod, das dem Doppelhorn Des Halbmonds gleicht, dabey zu käuen. Vertieft in den Entwurf zu neuen Buhlschaften, steht indessen vorn

Am Fenster schon sein Kammerdiener, Ein plauderhafter, eitler, kühner, Verlaufner Franzmann, voll Genie, Dem die Natur zu bösen Streichen

Vor hundert andern seinesgleichen Ein treffliches Talent verlieh; Denn wer vermag, mit leichtrer Müh Unschuldigen Agnesen jeden

Gewissenszweifel, der sich hie Und da noch reget, auszureden? Wer weiss so fertig aus den schnöden Syrenen, deren feile Gunst

Sich jedem preis giebt, die zu wählen, Die, Amors Zweykampf durch die Kunst Der geilsten Taktik zu empfehlen, Und den Genuss der Lust verschmitzt

Durch Zwischenspiele zu beseelen, Das rühmliche Verdienst besitzt? Wer ist mit den geheimsten Tiefen Der Mädchenherzen so genau,

Wie er, bekannt? Wer weiss so schlau Die Tugend einer Frau zu prüfen? Wer unter allen Kupplern kennt So gut den kritischen Moment,

Wo Danaen dem goldnen Regen Nicht leicht zu widerstehn vermögen? Kühn legt mit diesem Ehrenmann Der Weichling nun ein Plänchen an,

Die Unschuld eines schönen Kindes Zu täuschen, das er liebgewann, Und mit der Schnelligkeit des Windes Verfolgt der lockere Merkur,

Um seinem Herrn den Weg zu bahnen, Sogleich des holden Mädchens Spur. Der feige Sprössling wackrer Ahnen Lässt voll Erwartung unterdess

Die Haare sich, der Kunst gemäss, Auf dem mit Puder rings bestäubten, Mit weissem Kleister dicht bekleibten Erhabnen Haupt in Locken reihn,

Und lechzt dabey mit heissem Triebe Nach dem Turnier des Gotts der Liebe. So sehnten einstens, handgemein Mit Stambuls trotzigen Barbaren

Zu werden, seiner Ahnherrn Schaaren An Ungarns Gränzen ritterlich Mit halbentblösstem Degen sich. Sieh! unter solchen schweren Sorgen

Verfliesst des Sybariten Morgen, Und mit Geschäften gleiches Schlags Verschwendet er den Rest des Tags. Bald lüstet's ihn, im bunten Wagen,

Mit Sehnsucht angegafft von Fraun Und Töchtern, durch des Praters Aun Sein werthes Selbst zur Schau zu tragen, Und bald, der Thiere Kampf zu schaun.

Mit inniglichem Wohlbehagen Sieht er das Lämmchen in den Klaun Des wilden Bären hilflos zagen, Stimmt laut dem frohen Klatschen bey,

Und trägt dann mit zufriedner Miene Die langen Ohren vom Geschrey Des Cirkus hin zur Opernbühne, Um lüstern an dem Zauberklang

Des Stimmchens einer wälschen Phryne Und an dem zitternden Gesang Des Halbmanns Herz und Sinn zu weiden. Von dannen eilt er wohlgemuth

Zum Spieltisch, um des Vaters Gut Mit kaltem Gleichmuth zu vergeuden, Und wenn er dann die halbe Nacht Nach einem schwelgerischen Schmause

Mit Amors Freuden zugebracht, Begiebt er endlich sich nach Hause, Um nach so grossen Thaten nun Bis an den Mittag auszuruhn.

Diess üppige Schlaraffenleben, Das sich mit jedem Tag erneut, Raubt unsern Grossen Lust und Zeit, Dem Musenchor Gehör zu geben,

Das drum mit gleicher Sprödigkeit Vor den Pallästen der Verächter Des Dichtergotts vorübereilt, Und nur in den Gemächern ächter

Verehrer der bescheidnen Töchter Mnemosynens sich gern verweilt. Das Beyspiel der erhabnen Musen Entflamme jedes Dichters Busen

Zu edlem Trotz, und flöss' auch dir Den Stolz ein, über die Begier Nach einem Gnadenblick der Götzen Des Pöbels dich hinwegzusetzen!

Sieh! Wieland, unsers Pindus Zier, Beut dir mit Lächeln vom Revier Der sanften Ilm die Hand entgegen, Erfreut sich, auf den steilen Wegen

Zu Famens lichtem Heiligthum, In dem mit Lorbern ihn der Ruhm Bekränzt, auch dich nun zu erblicken, Und überlässt dir mit Entzücken

Und unbesorgt, dass etwa dich Ein Sturz in eines Abgrunds Tiefen Vergrabe, seinen Hippogryphen, Der, ob er gleich mit Schnauben sich

Emporbäumt, und sonst einen Reuter Von grösserem Gewichte trug, Dich willig und mit sicherm Flug Zu Höhn, wo dich ein Ungeweihter

Erstaunt aus dem Gesicht verliert, Durch das Gebiet des Äthers führt. Drum lass dich auf der Bahn zum hehren Parnasse nicht durch Kaltsinn stören!

Wen eines Wielands Beyfall ehrt, Kann, stolz auf seiner Lieder Werth, Das Lob der Grossen leicht entbehren.“ So sprach der Genius, die Hand

Mir huldreich drückend, und verschwand.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.