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1796–1835

XiI. König Odo.

August von Platen

Tausend Lichter funkeln helle, Die den Zug der Beter locken Nach der hohen Kirchenschwelle. König Odo kommt gefahren,

Hört vom alten Thurm Geläute, Und er fragt die frommen Schaaren: Aber welch ein Fest ist heute? Sie erwiedern d'rauf und sagen:

Eine Jungfrau nimmt den Schleyer, König Odo springt vom Wagen, Tritt hinein und schaut die Feyer. Um den heil'gen Brauch zu wehren,

Ruft er aus am Hochaltare: Keine Scheere soll versehren Diese langen, blonden Haare! Ueber diese feuchten Blicke

Möge nie ein Schleyer fallen, Und kein härnes Kleid ersticke Dieser Brust gelindes Wallen. Reißend vom Altar die Reine,

Trat er nun hervor und tobte: Christus werde nie der Deine, König Odo's Anverlobte! Frevelvoll und voll von Wonne,

Selig im erbotnen Tausche, Neigt sich die bethörte Nonne Seinem schönen Liebesrausche. Als die Nacht begann zu schauern

Um die Stunde der Gespenster, Zitterten des Schlosses Mauern, Und es flogen auf die Fenster. Bebend sahn empor die Gatten,

Und an's goldne Lager Beyder Trat ein weißer Zug von Schatten, Angethan in Nonnenkleider. Alle hielten rothe Kerzen,

Welche blau und düster flammten, Und die junge Braut vom Herzen Rissen sie dem Gottverdammten. Hülfe ruft er, greift verwegen

Zur geschliffnen Wehr im Grimme; Aber ihm versagt der Degen, Aber ihm versagt die Stimme. Und das Mädchen ziehn am Haare

Jene fort, das arme, bleiche, Legen dann auf eine Bahre Die lebend'ge, schöne Leiche. Und der König folgte bange,

Seiner Sinne halb nur mächtig: In der Kirche Säulengange Hielt der lange Zug bedächtig. An des Altars hoher Schwelle

Thut ein Grab sich auf mit Grauen, Ausgehöhlt, gespenstig schnelle, Von den weißvermummten Frauen. Mit Gewalt sein Weib zu holen,

Rafft sich auf im Wahn der Gatte; Aber unter seinen Sohlen Dreht sich jede Marmorplatte. Und er sieht die schönen Glieder

Eingesargt in einem Schreine, Will hinzu, doch immer wieder Schwanken unter ihm die Steine. Und der Schaufeln Ton verstummet,

Stille wird's im Gotteshause, Nur die Glocke, wenn sie brummet, Unterbricht die tiefe Pause. Und das Dunkel weicht, die Sonne

Hebt am Horizont sich steiler, Man entdeckt das Grab der Nonne, Und den König todt am Pfeiler.

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