Skip to content
1758

Der Tod

Gottlieb Konrad Pfeffel

Theanor saß am Eingang seiner Zelle, Die vor Jerusalem auf einem Berge stand, Und sah den greisen Tag im lichten Sterbgewand Des Abendroths, wie er die graue Schwelle

Des Horizonts mit feyerlichem Schritt Am Arm der Zeit hinunter glitt. So gleitet nach dem stillen Meere Der Ewigkeit des Menschen Leben hin.

Mein Lenz entfloh, mein Winter wird entfliehn; O! wenn ich nur schon durchgedrungen wäre Durch deine Halle, schauervolles Grab! So seufzet er und eine bittre Zähre

Rollt über sein Gesicht herab. Sie rollte noch, als, gleich dem Strahle Des matten Blitzes, ihn ein Silberstrom Umfloß, und eine Stimm aus dem saphirnen Dohm

Ihm zurief: blicke nach dem Thale! Er blickt ins Thal; auf einem dunkeln Pfad Schlich ein gebückter Greis getrost an seinem Stecken, Als plözlich der Monarch der Schrecken

Aus einer Wolke vor ihn trat. Der Greis erkennet ihn: Sey dreymal mir gegrüßet, Du Bote der Unsterblichkeit! So redet er ihn an und neiget sich, und küsset

Den schwarzen Saum an seinem Kleid. Wie, sprach der alte Sohn der Sünde: Erschrickst du nicht vor dem, der jedem Adamskinde So furchtbar ist? ... „Nur den erschreckt dein Bild,

Der vor sich selbst erschrickt.“ So schaudre vor den Seuchen, Die vor mir her im Finstern schleichen Und vor dem kalten Schweiß, der mir vom Fittig quillt! „Ich schaudre nicht.“ – Warum nicht? – „Freund, ich werde

Durch sie gewahr, daß du mir nahe bist.“ – Wer bist du denn, du Mensch von Erde, Der Freund mich nennt? – „Ich bin ein Christ.“ Schnell hauchet ihn der ernste Seraph an

Und Tod und Sterblicher verschwanden. – Ein unterirdischer Orkan Eröffnet an dem Ort, wo sie gestanden, Mit einem dumpfen Donnerschlag

Ein tiefes Grab. Theanor bebte. Er sah daß etwas in der Höle lag, Darauf ein dunkler Nebel schwebte. Doch plötzlich hallt in sein betäubtes Ohr

Ein leiser Harfenklang von des Olympus Küsten: Er blickt hinauf und sieht den Christen Umringt von einem hehren Chor Verklärter Geister, das mit süßen Psalmen

Ihn Bruder grüßt und einen Kranz von Palmen Auf seinen Seitel drückt. Sein Angesicht Wirft Strahlen wie das Sonnenlicht. Theanors Geist hängt an der großen Scene

Und feyert mit. Sein Psalm ist eine Freudenthräne. Nun blickt er in das Thal: die Dunkelheit, Die auf dem Grabe lag, zerfließet, Und nun erkennet er was es verschließet –

Des Christen abgetragnes Kleid.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Der Tod · Gottlieb Konrad Pfeffel · Poetry Cove