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1597–1639

Vber den Abschied einer Edlen Jungfrawen.

Martin Opitz

Gleich wie zu Sommerszeit wann alles frölich blühet Vnd Wald Berg Feld vnd Thal anmütig schön außsiehet Auch vnder anderen sehr zarten Blümelein Die schöne Lilie läst blicken jhren schein:

Es fliegen auff sie zu die Bienen hauffen weise Vnd saugen auß mit fleiß die angenehme Speise Den angenehmen Safft: Sie steht in höchstem Flor Es glentzt jhr weisses Kleyd für allen Blumen vor.

Ihr günstiger Geruch erfrewet Hertz vnd Sinnen Man muß jhr werden hold man muß sie lieb gewinnen Der schöne Zephyrus wirdt gegen jhr entzündt Vnd wehet auß Favor jhr zue den Liebes Windt.

Bald aber vnverhofft da kompt einher gebrauset Der vngeheure Nort er pfeifft er heult er sauset Vnd nimpt mit vngestümm die Lilie dahin Die liebliche Gestallt bricht jhm gar nicht den Sinn

Das grüne Feld beginnt vmb seine Zier zutrauren Die andre Blümelein thut jhrer Schwester tauren Die Bienen fliegen auch vor schmertz vnd Trawrigkeit Verjrrt jetzt hin jetzt her vnd sind in grossem Leidt.

So bistu auch zuvor du schöneste gewesen Du stirbst durch welch’ ich mir verhoffte zugenesen O du mein einig all jetzt bistu nackt vnd bloß Vnd kriegest einen Sarck vor deines Liebsten Schoß.

Du weisse Lilie du Spiegel aller Tugendt In deiner besten Blüht vnd in der grünen Jugendt Kürtzt dir der grimme Todt dein junges Leben ab Vnd führet dich behendt auß meinem Arm ins Grab.

Doch bistu von der Welt vnd jhrer Noth gerissen Ich aber muß allhier in Qual vnd trawren büssen Ich wall im weiten Meer im weiten Meer der Noth Du bist todt lebendig ich bin lebendig todt.

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