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1597–1639

Elegie.

Martin Opitz

Der helle Vesper Stern gieng auff kaum vor sechs stunden Jetzt hat sich Mitternacht in seinen Orth gefunden Vnd in sechs Stunden kompt die klare Morgenröth So lang hernach die Sonn am allerhöchsten steht

Wie lang ist es jetzt wol daß in des Herbstes Tagen Viel Aepffel vnd schön Obs bey jhren Bäumen lagen? Heunt hat die kalte Lufft des Winters jhr weiß Kleydt Mit frost vnd scharffem Reiff gestrewet weit vnd breit.

Hernach soll widerumb mit schönem Tireliren Der Vögel Compani durch Wald vnd Feld spatzieren So bald der schöne Lentz wirdt Blumen ohne zahl Durch seinen Westen Wind außsäen vberal.

Ach wie vergänglich ist doch aller Menschen dichten! Wie bald verwirret Gott das alles was wir richten! Wer weiß da Gott für sey ob diese schöne Statt Der Krieg in kurtzer Zeit nicht auffgerieben hat.

Wo Schlesien jetzt ist lag alles vor viel Jahren Einöd vnd vnbewohnt wo vorhin Wälder waren Ist wol gebawtes Landt. Jetzt geht manch schönes Bild Wo vorhin gar nichts war als vngezämtes Wild.

Ich bin so sehr verstürtzt vnd ausser meinen Sinnen Daß ich wol gar nicht weiß was ich nur soll beginnen Ich hör vnd sehe nichts ich weiß nicht wo ich bin Die eytelkeit der Welt benimpt mir Muth vnd Sinn.

Ich hitz’ vnd bin entzündt wie Etna wann er strewet Die Flammen in die Lufft vnd siedendt Hartz außspeyet Vnd auß dem holen Schlundt bald schwartze Wolcken bläst Bald gantze Klüfften Stein vnd Kugeln fliegen läst.

Ich dencke hin vnd her was ist doch vnser Leben Die wir ohn end vnd orth in Forcht vnd Hoffnung schweben? Wir wallen in dem See der schändtlichen Begierdt Niemandt ist den der Wind nach seinem Willen führt.

Ach welcher Mensch darff wol auff sein Gewissen sagen Es habe seinem Sinn gar niemals fehl geschlagen? Vnd es kan noch geschehn geschicht es jetzundt nicht Das Glaß je mehr es gläntzt je leichter es zubricht.

Was hilfft es dich doch wol viel Reichthumb zubewahren Viel Silber Gold vnd Gelt durch kargen zu ersparen? Die Zeit die Mörderin so alles fressen kan Bringt schwerlich auch mit dir was newes auff die bahn.

Bekenne bitt ich mir warumb doch wiltu prangen Mit deiner Augen glantz mit deinen zarten Wangen Mit deinem rothen Mund mit deines Leibes pracht Mit alle dem was Zucht alleine scheinbar macht?

Bedenck ich vmb vnd vmb die Welt in einer summen So muß ich letzlich doch noch auff die Rechnung kommen Daß nichts beständig sey ohn Erbarkeit vnd Zucht Wer dieses Gut nicht hat vmbsonst was anders sucht.

Du Ciprische Göttin hinweg so ferne Westen Von Osten vnd das Hauß der Höllen von den festen Des hohen Himmels Liecht hinweg auß meinem Sinn Ich habe nichts mit dir du grosse Kupplerin.

Mein Hertze wünschet nicht den Mägden zugefallen Die in dem Koth vnd Wust der Vppigkeiten wallen Die nur nach Gut vnd Gelt nach Pracht vnd prallen stehn Vnd Erbarkeit darfür stillschweigendt vbergehn

Die von der Jungfrawschafft nichts als den Namen haben Die jhrer Keuschheit Schloss mit Hoffen vndergraben Vnd derer Augen nichts als nur Irrliechter sein Die vns führn in den Sumpff der schnöden Liebes pein.

Die Rächerin der Zeit mein Hand wirdt nicht getrieben Von solcher falschen Lust: Ich lasse mir belieben Der Tugendt gunst die weit weit steht von Liebes schmertz Ein ander habe Golt ich hab ein freyes Hertz

Das niemand dienen kan das niemand nach kan lauffen Vnd wüst ich vor ein Wort die gantze Welt zukauffen Das Gelt vnd Gut so ich von Gott begehr ist klein Bin reicher doch als die so arm bey Gütern sein.

Ich weiß das Schätze nicht an Land vnd Stätten liegen Vermögendt halt ich mehr den der sich last benügen Er achtet niemand nit trotzt alles was da lebt Sein Sinn hoch vber Gut Macht Kron vnd Scepter schwebt

Wirdt Meister seiner selbst ist allzeit wol zufrieden Vnd von der Eitelkeit des Volckes weg geschieden Verachtet alles das darnach die Menschen stehn Es sey auch was es will so muß es doch vergehn.

Allein der kluge Geist gelehrt vnd wolerfahren Fleucht den gemeinen lauff bricht durch ist Herr der Jahren Er acht den Tode nicht fehrt fort vnd muß er schon Den Pfad den alle gehn so kompt er doch darvon.

Das ist das Volck das Volck so Printzen mehrt jhr Leben So Königen jhr Lob vnd Ewigkeit kan geben Die Strasse kenn ich auch ich weiß sehr wol dahin: Von Leibe zwar nicht groß doch groß genug von Sinn.

Die Strasse kenn ich auch sehr offt hab ich gemessen Den grossen Helicon bin oben auff gesessen: Durch mich wirdt auch der Weg in Teutschland vfsgebracht Der künfftig trotzen kan der schönsten Sprachen pracht.

Wer diesen Zweck erlangt darff nicht hierunden kleben Vnd wer’ er zehnmahl todt so soll er dennoch leben Gott herbergt selbst in jhm ja was er denckt vnd schafft Riecht nach Vnsterbligkeit schmackt nach deß Himmels krafft.

Drumb wirdt die schnelle Flucht der Jahren nicht verderben Was ich beginn vnd auch wann ich schon sterbe sterben Ob das so vnden war solt alles oben stehn So kan der Weißheit Lob doch nimmermehr vergehn.

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