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1618

30. Am Sontage Misericordias DominiAuff den 91. Psalm

Martin Opitz

Bedenckt, ihr Brüder, jederzeit In euren rechten Hertzen, Worzu ihr wol beruffen seyd; Ertraget Noth und Schmertzen,

Seht, wie doch Christus in der Welt Hat für uns leyden wollen, Sich als ein Fürbild dargestellt, Daß wir ihm folgen sollen.

Bey ihm hat kein Betrug und Schuld, Kein falsches Wort gegolten; Er schweig und litte mit Gedult, Im Fall er ward gescholten;

Ließ man ihm weder Rast noch Ruh, So dreut er doch mit nichten, Gab aber dem die Rache zu, Der einig recht kan richten.

Der schweren Sünden Last und Schuld, Hat er für uns getragen, Hat seinen Leib aus grosser Huld An's Creutze lassen schlagen.

Nun haben wir Gerechtigkeit Für unsre Schuld gefunden, Sind selig noch bey Lebenszeit Und Heil durch seine Wunden.

Ihr waret wie der Schaffe Schar, Die irrend umb muß lauffen, Steht augenblicklich in Gefahr Für wilder Thiere Hauffen,

Eilt müde, krafftloß und beschwert Durch Berge, Püsch' und Hölen, Nun seyd ihr frey, seyd gantz bekehrt Zum Hirten eurer Seelen.

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