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1804–1875

Nannys Traum.

Eduard Mörike

Ich wollte gar zu gern für Dich Ein herzig Blümelein wo finden, Und lief und suchte emsiglich. Ach, nirgend sah ich eines stehen,

Da fing ich laut zu weinen an: „den Frühling hab' ich kaum gesehen, Und kommt der Winter schon heran!“ So lief ich fort und fort mit Trauern,

Erst bei dem letzten Abendschein Hielt ich vor heil'gen Kirchenmauern, Das Thor stand auf, ich trat hinein Und kam in einen stillen Garten

Und vor ein frisch bereites Grab, Dran sah ich einen Engel warten, Gelehnt auf einen Hirtenstab. Der schaut mich traurig an und bange

Und nickt und winket mich herbei; Mir war, als kennt' ich ihn schon lange An seinen Augen fromm und treu. Er winkt, und aus des Grabes Schoose

Steigt blühend, wie der Schnee so rein, Hervor die weiße Todtenrose Und neiget sich im Mondenschein. Begierig schnell will ich sie pflücken,

Doch mir versagt die kleine Hand, Indeß mit freudehellen Blicken Ein zweiter Engel vor mir stand. Er zog mich sachte weg zur Pforte

Und sprach: „Du gutes, krankes Kind, O laß die Rosen hier am Orte, Die bleich wie deine Wangen sind! Auf's Neue sollst du fröhlich springen,

Ihr Wänglein blühet frisch und roth! Das dir dein guter Engel bot.“

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