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1828

Mein Fluß

Eduard Mörike

O Fluß, mein Fluß im Morgenstrahl! Empfange nun, empfange Den sehnsuchtsvollen Leib einmal, Und küsse Brust und Wange!

– Er fühlt mir schon herauf die Brust, Er kühlt mit Liebesschauerlust Und jauchzendem Gesange. Es schlüpft der goldne Sonnenschein

In Tropfen an mir nieder, Die Woge wieget aus und ein Die hingegebnen Glieder; Die Arme hab ich ausgespannt,

Sie kommt auf mich herzugerannt, Sie faßt und läßt mich wieder. Du murmelst so, mein Fluß, warum? Du trägst seit alten Tagen

Ein seltsam Märchen mit dir um, Und mühst dich, es zu sagen; Du eilst so sehr und läufst so sehr, Als müßtest du im Land umher,

Man weiß nicht wen, drum fragen. Der Himmel, blau und kinderrein, Worin die Wellen singen, Der Himmel ist die Seele dein:

O laß mich ihn durchdringen! Ich tauche mich mit Geist und Sinn Durch die vertiefte Bläue hin, Und kann sie nicht erschwingen!

Was ist so tief, so tief wie sie? Die Liebe nur alleine. Sie wird nicht satt und sättigt nie Mit ihrem Wechselscheine.

– Schwill an, mein Fluß, und hebe dich! Mit Grausen übergieße mich! Mein Leben um das deine! Du weisest schmeichelnd mich zurück

Zu deiner Blumenschwelle. So trage denn allein dein Glück, Und wieg auf deiner Welle Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh:

Nach tausend Irren kehrest du Zur ewgen Mutterquelle!

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