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1804–1875

Mährchen vom sichern Mann.

Eduard Mörike

Soll ich vom sicheren Mann ein Mährchen erzählen, so — Etliche sagen, ihn habe die steinerne Kröte geboren: Also heißt ein mächtiger Fels in den Bergen des Schwarz- Bauchig und oben platt, der häßlichen Kröte vergleichbar.

Darin lag er und schlief bis nach den Tagen der Sünd- Nämlich es war sein Vater ein Waldmensch, tückisch und Allen Göttern ein Gräul und allen Nymphen gefürchtet. Ihm nicht völlig gleich ist der Sohn, doch immer ein Un-

Riesenhaft an Gestalt, von breitem Rücken und Schultern. Ehmals ging er fast nackt, unehrbarlich, aber seit Menschen- Denken im grauen wollenen Rock, mit schrecklichen Stiefeln. Graue Borsten träget sein Haupt, es starret der Bart ihm.

(heimlich, so heißt's, besucht ihn der Igelslocher Balbierer In der Höhle, wo er ihm dient wie der sorgsame Gärtner, Wenn er die Hecken stuzt mit der unermeßlichen Scheere.) Lauter Nichts ist sein Thun und voller thörichter Grillen:

Wenn er niedersteigt vom Gebirg bei nächtlicher Weile, Laut mit sich selber redend, und oft ingrimmigen Herzens Weg- und Meilenzeiger knickt mit Einem Fußtritt (diese hasset er auf den Tod, gewißlich ohn' Ursach'),

Oder wenn er zur Winterzeit in's beschneiete Blachfeld Sich der Länge nach streckt und, aufgestanden, an seinem Conterfei sich ergözt mit bergerschütterndem Lachen. Aber nun lag er einmal Mittags in seiner Behausung,

Seinen Rübenfraß zu verdauen, welcher ihm süß däucht. Plötzlich erfüllet wonniger Glanz die Wände der Höhle, Lolegrin tritt herein, der liebliche Götterjüngling, Welcher ein Lustigmacher heißt der seligen Götter,

(sonst nur auf Orplid Weyla's schalkischer Sohn, mit dem Narrenkranz um die Zierlich aus blauen Glocken und Küchenschelle geflochten. Er nun redet den Ruhenden an mit trüglichem Ernste:

„suckelborst, sicherer Mann, sey gegrüßt! und höre ge- Was die Himmlischen dir durch meine Sendung entbieten. — Sämmtlich ehren sie deinen Verstand und gute Ge- So wie deine Geburt: es war dein Vater ein Halbgott,

Und deßgleichen hielten sie dich stets; aber in Einem Bist du ihnen nicht recht: das sollst du jetzo vernehmen. Lieber, bleibe nur liegen getrost! ich setze mich unten Auf den Absatzrand hier deines würdigen Stiefels,

Der wie ein Felsblock ragt, und unschwer bin ich zu tragen. — Siehe, Serachadan zeugete dich mit der Riesenkröte, Seine Götterkraft in ihrem Leibe verschließend, Da sie noch lebend war; denn gleich nach ihrer Empfängniß

Ward sie verwandelt zu Stein, auch dein Vater hauchte Ader du schliefest im Mutterleibe neun Monden und drüber, Denn im zehnten kamen die großen Wasser auf Erden. Vierzig Tage lang strömte der Regen und vierzig Nächte

Auf die sündige Welt, so Thiere wie Menschen ersäufend; Eine einzige See war über die Lande ergossen, Ueber Berg und Thal und deckte die wolkigen Gipfel. Aber du lagest zufrieden in deinem Felsen verborgen,

So wie die Auster ruht in fest verschlossenen Schalen, Oder des Meeres Preis, die unbezahlbare Perle. Götter segneten deinen Schlaf mit hohen Gesichten, Zeigten der Schöpfung Heimliches dir, wie Alles geworden;

Erst, wie der Erdenball, mit wirkenden Kräften geschwän- Einst dem dunkelen Nichts entschwebte, zusammt den Ge- Wie mit Gras und Kraut sich zuerst der Boden begrünte, Wie aus der Erde Milch, so sie hegt im inneren Herzen,

Alles Fleisch ward geformt, das zarte, darinnen der Geist Thier- und Menschengeschlecht; denn erdgeboren sind Beide. Ferner sang dir dein Traum der Völker späteste Zukunft, Auch der Throne Wechselgeschick, der Könige Thaten,

Ja, du sahst den verborgenen Rath der ewigen Götter. Solches gönnten sie dir, daß du, ein herrlicher Lehrer Oder Seher, das Unerhörte wiederum kündest, Nicht den Menschen sowohl, die da leben und wandeln

Ihnen dient nur wenig zu wissen —, sondern den Geistern In der Schattenwelt, den alten Weisen und Helden, Welche traurig sitzen und forschen das hohe Verhängniß, Schweigsam immerdar, des erquicklichen Wortes entbehrend.

Aber vergebens harren sie dein, dieweil du ja gänzlich Deines erhabnen Berufs vergissest. Laß mich nur offen Dir gestehen, so wie du es bisher getrieben, erscheinst du Weder ein Halbgott, noch ein Begeisteter, sondern ein

Gräulichem Rübenfraß ergeben, sinnst du nur Unheil; Steigest des Nachts in den Fluß, bis über die Kniee ge- Trennst die Bänder los an den Flößen und schleuderst die Weit hinein in das Land, den ehrlichen Flößern zum

Tagelang trollst du müßig umher im wilden Gebirge, Ahmest das Grunzen des Keulers nach und lockest sein Greifest, wenn sie nun rennt durch den Busch, die Sau Zwickst die Wüthende, grausam dich weidend an ihrem

Siehe, dies wissen wir wohl, denn Alles sehen die Götter. Aber reize sie länger nicht mehr, es möchte dich reuen! Schmeidige doch ein Weniges deine borstige Seele! Suche zusammen dein Wissen und lichte die rußigen

Deines Gehirns, besinne dich wohl auf Alles und Jedes, Was dir offenbart ist, dann nimm den Griffel und Fein mit Fleiß in ein Buch, damit es daure und bleibe; Leg' es den Todten aus in der Unterwelt! sicherlich weißt du

Wohl die Pfade dahin und den Eingang, welcher dich nicht Denn du bist ja der sichere Mann mit den wackeren Jetzo sey es genug. Bewahre mein Wort im Gedächtniß, Lieber! und also scheid' ich. Ade! wir sehen uns wieder.“

Sprach's, der schelmische Gott, und ließ den Alten Dieser war wie verstürzt, und stand ihm fast der Verstand Endlich hebt er halblaut zu brummen an und zu fluchen, Schandbare Worte zumal, gottlose, nicht zu beschreiben.

Aber nachdem die Galle verraucht war und die Empörung, Hielt er inne und schwieg, denn es gemahnte der Geist Nicht zu trotzen den Himmlischen, deren doch immer die Sondern zu folgen vielmehr. Und alsbald wühlt sein

Rückwärts durch der Jahrtausende Wust, bis tief wo er Noch ein Ungeborener, träumte die Wehen der Schö- (denn so sagte der Gott, und Götter werden nicht lügen). Aber da däucht' es ihm Nacht, dickfinstere; wo er umher-

Nirgend ist noch ein Halt und noch kein Nagel geschlagen, Anzuhängen die Wucht der zentnerschweren Gedanken, Welche der Gott ihm erregt' in seiner erhabenen Seele. Und so kam er zu Nichts und schwitzete wie ein Ma-

Endlich ward ihm geschenkt, daß er sich dahin bedachte: Erst ein Buch sich zu schaffen, ein unbeschriebenes, großes, Seinen Fäusten gerecht und werth des künftigen Inhalts. Wie er Solches erreicht, o Muse, dies hilf mir verkünden!

Längst war die Sonne hinab und Nacht beherrschte den Seit vier Stunden, da hebt der sichere Mann sich vom Setzet den runden Hut auf das Haupt, den Wanderstab Und verlässet die Höhle. Gemächlich steigt er bergaufwärts,

Redt mit sich selber dabei und brummt nach seiner Ge- Aber jetzo hub sich der Mond in leuchtender Schöne Rein am Forchenwalde herauf und erhellte die Gegend, Sammt der Höhe von Igelsloch, wo nun Suckelborst an-

Eben hatte der Wächter die zwölfte Stunde gerufen, Alles ist ruhig im Dorf und nirgend Licht mehr zu sehen, Nicht in den Kunkelstuben gesellig spinnender Mägdlein, Nicht am einsamen Stuhle des Webers oder im Wirthshaus,

Mann und Weib liegt im Bette, die Last des Tages Sachte tritt Suckelborst nun vor die nächstgelegene Scheuer, Mißt mit wohlgefälligem Aug' so Höhe wie Breite Beider Flügelthore (sie waren nicht von den kleinsten,

Aber er selbst war größer denn sie, dieweil er ein Riese), Dann betrachtet er Schloß und Riegel, kneipt mit dem Ab den Globen und öffnet das Thor und hebet die Flügel Aus den Angeln und lehnt an die Wand sie übereinander.

Alsbald schaut er sich um nach des Nachbars Scheuer und Zu demselben Geschäft und raubt die mächtigen Thore, Stellt zu den vorigen sie an die Wand, und alsofort Weiter im Gäßchen hinauf, bis er dem fünften und

Bauern auf gleiche Weise die Tenne gelüftet. Am Ende Ueberzählt er die Stücke: es waren eben ein Dutzend Blätter, und fehlte nur noch, daß er mit sauberen Hinten die Angel-Oehre verband, da war es ein Schreib-

Gar ein stattliches; doch dies war ein Geschäft für da- Also nimmt er es unter den Arm, das Werk, und trollt sich. Unterdeß war der schnarchenden Bauern Einer vom Aufgeschauert und hörte des schwer-Entwandelnden Fußtritt.

Hastig entrauscht er dem Lager und stößt am niedrigen Rasch den Schieber zurück und horcht und sieht mit Ent- Rings im mondlichen Dorf der Scheuern finstere Nachen Offen stehn; da fährt er voll Angst in die lederne Hose

(beide Füße verkehrt den linken macht er zum rechten), Rüttelt sein Weib und redet zu ihr die eifrigen Worte: „käthe, steh' auf! der sichere Mann — ich hab' ihn ver- Hat im Flecken übel handthiert und die Scheuern ge-

Sieh mir im Hause nach und im Stall! Ich laufe zum Also stürmt er hinaus. Doch im Hofe thut er erst selber Einen Blick in die Ställe, ob auch das Vieh noch vor- Aber da fehlte kein Stück, und die Schecke muht ihm

Meint, es wär' Fütternszeit; er aber eilt in die Gasse, Klopft unterwegs dem Büttel am Laden und ruft ihm „michel, steh' auf! mach' Lärm! der Suckelborst hat den Heimgesucht und die Scheuern erbrochen und übel gewirth-

Solches noch redend war er schon weiter und weckte den Weckte den Burgermeister und alle seine Gefreundte. Alsbald werden die Straßen lebendig, es staunen die Stoßen Verwünschungen aus, es lamentiren die Weiber.

Jeder durchsuchet seinen Besitz und, halb nur getröstet, Keinen größeren Schaden zu finden, fallen mit Unrecht Etliche über den Nachtwächter her und schreien: „Du Du keinnütziger Tropf!“ und ballen die bäurischen Fäuste,

Ihn zu bläuen, und nehmen auch nur mit Mühe Ver- Endlich zerstreuen sie sich zur Ruhe; doch ordnet der Wachen an auf den Fall, daß der Unhold noch einmal Suckelborst hatte nunmehr die Höhle wieder gewonnen,

Welche von vorne gar weit und hoch in den Felsen sich Duftende Kiefern umschatteten riesenmäßig den Eingang. Hier dann leget er nieder die ungeheueren Thore, Und sich selber zugleich, des goldenen Schlafes genießend.

Aber sobald die Sonne nur zwischen den Bäumen Gleich an die Arbeit machet er sich, die Thore zu heften, Saubere Stricke lagen bereit, gestohlene freilich; Und er ordnet die Blätter mit sinnigen Blicken und füget

Vorn und hinten die schönsten zur Decke (sie waren des Künstlich über das Kreuz mit rothen Leisten beschlagen). Aber auf einmal nun in des stattlichen Werkes Be- Wächst ihm der Geist, und er nimmt die mächtige Kohle

Legt vor das offene Buch sich nieder und schreibet aus Grad' und krumme Strich', in unnachsagbaren Sprachen, Krazt und schreibt und brummelt dabei nach seiner Ge- Anderthalb Tag handthieret er so, kaum gönnet er Zeit

Speise zu nehmen und Trank, bis die lezte Seite ge- Endlich folget am Schlusse das Punktum, groß wie ein Tief aufathmend erhebet er sich, das Buch zuschmetternd. Jetzo, nachdem er das Herz sich gestärkt mit reichlicher

Nimmt er den Hut und den Stock und reiset. Auf ein- Immer gen Mitternacht läuft er: dies ist der Weg zu Schon mit dem fünften Morgen erreicht er die finstere Purpurn streifte so eben die Morgenröthe den Himmel,

Welche den lebenden Menschen das Licht des Tages ver- Als er hinunterstieg, furchtlos, die felsigen Hallen. Aber er hatte der Stunden noch zweimal zwölfe zu wandeln Durch der Erde gewundenes Ohr, wo ihn Lolegrin heimlich

Führete, bis er die Schatten ersah, die, luftig und Dämmernde Räume bewohnen, die Bösen so wie die Guten. Vorn am Eingang sammelte sich unliebsamer Kehricht Niederen Volks, betrügliche Krämer, Kuppler und Metzen,

Lausige Dichter auch und unzählbares Gesindel. Diese, zu schwatzen gewohnt, zu scherzen oder zu fluchen, Mühten vergebens sich ab, zu erheben die lispelnde Denn hellklingendes Wort ist nicht den Todten verliehen —

Und so winkten sie nur mit heftig bewegter Geberde, Stießen und zerrten einander wie im Gewühle des Jahr- Aber weiter hinein sah man die edleren Geister, Priester, Könige, Helden; geschmückt mit ewigem Lorbeer,

Ruhig ergingen sie sich und saßen, Manche zusammen, Manche für sich, und es schied die weit zerstreueten Gruppen Hügel und Fels und Gebüsch und die finstere Wand der Kaum nun war der sichere Mann in der Pforte er-

Aufrecht die hohe Gestalt, mit dem Welt-Buch unter dem Sieh, da betraf die Schatten am Eingang tödtliches Schrecken. Auseinander stoben sie all', wie Kinder vom Spielplatz, Wenn es im Dorfe nun heißt: „Der Hummel ist los!“

Doch der sichere Mann, vorschreitend, winkete gnädig Rings herum, da kamen sie näher, standen und gafften. Suckelborst lehnet nunmehr sein mächtiges Manu- Gegen den kleinen Hügel, den rundlichen, welchem gen-

Er selbst Platz zu nehmen gedenkt auf moosigem Felsstück. Doch erst leget er Hut und Stock bedächtig zur Seite, Streicht mit der breiten Hand den beißenden Schweiß von Räuspert sich, daß die Hallen ein prasselndes Echo ver-

Sitzet nieder sodann und beginnt den erhabenen Vortrag; Wie der Erdenball, mit wirkenden Kräften geschwängert, Einst dem dunkelen Nichts entschwebte zusammt den Ge- Wie mit Gras und Kraut sich zuerst der Boden be-

Wie aus der Erde Milch, so sie hegt im inneren Herzen, Alles Fleisch ward geformt, das zarte, darinnen der Geist Thier- und Menschengeschlecht; denn erdgeboren sind

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