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1861

L. Richters Kinder-Symphonie als Hochzeitsgeschenk

Eduard Mörike

Hier, Liebwerteste, seht ihr einen kleinen Dilettantenverein, ungleich an Kräften, Und teilweise versehn mit Tonwerkzeugen, Die dem Hörenden bange machen könnten.

Ein symphonisches Stück mit Singpartieen Gilt's, und zwar noch der ersten Proben eine. Vom andächtigen Klarinett herunter Bis zum Rätschchen und Vater Haydns Kuckuck

Tut ein jedes nach seinem Kunstvermögen. Baßposaune, Trompete lasten sichtlich Auf der schmelzenden Bratsche; offenbar auch Kommt die Sängerin schon nicht mehr zum Worte;

Doch nichts bringt den Direktor aus der Fassung. Sagt, und wären euch denn die guten Kinder Völlig fremd? es entdeckte wirklich niemand Ein bekanntes Gesichtchen hier? – Nun also

Wißt: Landsleute sind's unsres vielgeehrten Bräutigams! – wie ich näher gleich erkläre. Denn ich selber, mit einem Dresdner Freunde, Der verwichenen Herbst sich gern, als Maler,

Unser Schwaben einmal beschauen wollte, War zufälliger Zeuge dieser Szene, Als wir beide, von Friedrichshafen kommend, Vor dem Städtchen im Rißtal, das ihr kennet,

In Erwartung des Vier-Uhr-Zuges müßig Hin und her um die alten Mauern strichen. Leider waren des Herrn Dekans Hochwürden Damals eben verreist, er hätte sonst wohl

Uns im kühligen Haus bei sich ein Fäßlein Angestochen des edlen Kraftgebräudes, Das sein heimatlich Ulm ihm zollt alljährlich. Nun, beim äußersten Häuschen an der hintern

Grabenmauer ist gar ein stiller Winkel. Eine Witwe, des Kantors selig, wohnt dort Mit drei Kindern. Der eine Sohn ererbte Seines Vaters geliebte Geige, aber

Alle dreie von seinen Gaben etwas. Unvollständig noch, als wir kamen, lärmte, Sang und pfiff das Orchester durcheinander: Für die Fehlenden spielte die gesamte

Junge Nachbarschaft mit, und nicht nach Noten. Doch verstummend auf unsern Wink mit einmal Wich das wirre Getös dem hellen Goldklang Einer himmlischen Mädchenstimme, wie wenn

Nachts aus krausem Gewölk des Mondes Klarheit Tritt, ein Weilchen die reine Bahn behauptend. Aber nimmer beschreib ich dieser Kehle Herzgewinnenden Ton, noch jenes Lächeln,

Das verschämt um die frischen Lippen schwebte, Noch den wonnigen Ernst, mit dem der Geiger Ihr zunächst sie begleitete, der Bruder; Neigend beide das Haupt nach einer Seite,

Wie zwei Wipfel, geneigt von einem Hauche, Seelenvoll dem beseelten Zuge folgend. – Und was sang sie? Die Worte ließen unschwer Einen bräutlichen Festgesang erkennen.

Doch mir fiel nicht von weitem ein zu fragen, Ob dergleichen denn wirklich wo im Werk sei? Und wir hatten auch nicht lang Zeit: denn während Wir in herzlicher Rührung horchend standen –

Ludwig Richter und ich und ein vergnügter Ulmer Spatz, mit noch andern wackern Tierchen – Scholl die höllische Pfeife her vom Bahnhof. Rasch nur küßt ich das süße Kind (Freund Richter,

Immer praktischer, zog den Beutel, das ich Traun im Taumel beinah vergessen hätte) – Und so rannten wir fort, und Stuttgart zu ging's. Kaum nach Hause gelangt vernahm ich staunend,

O Marie, was sich mit dir begeben. Holde, liebliche Botschaft, deren Wohllaut Mir weissagend das Ohr voraus berührte! „Heil!“ so klingt es aus Kindermund noch helle

Mir im Sinn, und in ihrem Namen ruf ich Heil, o Freundliche, dir und deinem Liebsten! – Zwar sie hofften, so hör ich, hier im Saale Heut, sonntäglich geputzt, mit Bändern und mit

Blumensträußen, geführt vom Herrn Provisor, Ihre Sache vor euch zu produzieren. Doch das sollte nicht sein, man fand den Einfall Doch am Ende zu kühn, die Fahrt kostspielig.

Laßt euch denn, als Ersatz aus Richters Mappe, Diese stille Musik hier auch gefallen – Eine Probe nur freilich, aber war nicht Stets den Liebenden selber ihres Glückes

Vorbereitung so süß wie die Erfüllung?

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