Skip to content
1804–1875

Iv. Der Zauberleuchtthurm.

Eduard Mörike

Des Zauberers sein Mägdlein saß In ihrem Saale, rund von Glas. Sie spann beim hellen Kerzenschein, Und sang so glockenhell darein;

Der Saal, als eine Kugel klar, In Lüften aufgehangen war An einem Thurm auf Felsenhöh', Bei Nacht hoch ob der wilden See,

Und hing in Sturm und Wettergraus An einem langen Arm hinaus. Wenn nun ein Schiff in Nächten schwer Sah weder Rath noch Rettung mehr,

Der Lootse zog die Achsel schief, Der Hauptmann alle Teufel rief, Auch der Matrose wollt' verzagen: O weh mir armen Schwartenmagen!

Auf einmal scheint ein Licht von fern Als wie ein heller Morgenstern; Die Mannschaft jauchzet überlaut: Heida! jezt gilt es trockne Haut!

Aus allen Kräften steuert man Jezt nach dem theuren Licht hinan, Das wächst und wächst und leuchtet fast Wie einer Zaubersonne Glast,

Darin ein Mägdlein sizt und spinnt, Sich beuget ihr Gesang im Wind; Die Männer stehen wie verzückt, Ein Jeder nach dem Wunder blickt

Und horcht und staunet unverwandt, Dem Steuermann entsinkt die Hand, Hat Keiner auf das Schiff mehr Acht, Bis es am Felsenriffe kracht.

Die Luft zerreißt ein Jammerschrei: Herr Gott im Himmel, steh' uns bei! Da löscht die Zauberin ihr Licht; Noch einmal aus der Tiefe bricht

Verhallend Weh aus Einem Munde: Da zuckt das Schiff und sinkt zu Grunde.

Cookies on Poetry Cove

We use cookies to remember your language preference and — only with your consent — to learn how Poetry Cove is used. You can change your mind any time.
Iv. Der Zauberleuchtthurm. · Eduard Mörike · Poetry Cove