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1804–1875

Idylle.

Eduard Mörike

Unter die Eiche gestreckt, im jung belaubten Gehölze Lag ich, ein Büchlein vor mir, das mir das lieblichste Jene Mährchen erzählt's von der Gänsemagd und von Von dem Machandelboom; wahrlich, man wird sie

Grünlicher Maienschein warf mir geringelte Lichter Auf's beschattete Buch, neckische Bilder zum Text. Ferne hör' ich die Holzart fallen, ich höre den Gukuk Und es lispelt ein Bach wenige Schritte vor mir.

Mährchenhaft fühl' ich mich selbst, mit aufgeschlossenen Seh' ich, wie helle! den Wald, ruft mir der Gukuk, Plötzlich rauscht es im Laub, — wird doch Sneewittchen Oder, bezaubert, ein Reh? Nicht doch, kein Wunder

Siehe, mein Nachbarskind aus dem Dorf, mein artiges Müßig lief es in Wald, weil es den Vater dort weiß, Ehrbar setzet es sich an meine Seite, vertraulich Plaudern wir Dieses und Das, und ich erzähle sofort

Gar ausführlich die Leiden des unvergleichlichen Mädchens, Dem von der Mutter Hand dreimal der Tod schon gedroht. Denn die Eitle, die Königin, haßte sie, weil sie so schön war, Grimmig, da mußte sie fliehn, wohnte bei Zwergen

Aber die Königin findet sie bald; sie klopfet am Hause, Bietet, als Krämerin, schlau, lockende Waare zu Kauf. Arglos öffnet das Kind, den Rath der Zwerge vergessend, Und das Liebchen empfängt, ach! den vergifteten Kamm.

Welch ein Jammer, da nun die Kleinen zu Hause ge- Welcher Künste bedarf's, bis die Erstarrte erwacht! Doch zum zweiten Mal kommt, zum dritten Male, ver- Die Verderberin, leicht hat sie das Mädchen beschwazt,

Schnürt in das zierliche Leibchen sie ein, den Athem er- In dem Busen; zuletzt bringt sie die tödtliche Frucht. Nun ist alle Hülfe umsonst; wie weinen die Zwerge! Ein krystallener Sarg schließet die Aermste nun ein,

Frei gestellt auf den Berg, ein Anblick allen Gestirnen, Unverwelklich ruht innen die süße Gestalt. — So weit war ich gekommen, da drang aus dem näch- Hinter mir Nachtigallschlag herrlich auf Einmal hervor,

Troff wie Honig durch das Gezweig und sprühte wie Feuer Zackige Töne, mir traf freudig ein Schauer das Herz, Wie wenn der Göttinnen Eine, vorüberfliehend, dem Durch ambrosischen Duft ihre Begegnung verräth.

Leider verstummte die Sängerin bald, ich horchte noch lange, Doch vergebens, und so bracht' ich mein Mährchen Jetzo deutet das Kind und ruft: „Margrete! da kommt sie! In dem Korbe, siehst du, bringt sie dem Vater die

Durch die Lücke sogleich erkannt' ich die ältere Schwester; Von der Wiese herauf beugt nach dem Walde sie ein, Rüstig, die bräunliche Dirne; ihr brennt auf der Wange Gern erschreckten wir sie, aber sie grüßet bereits.

„haltet's mit, wenn Ihr mögt! es ist heiß, da mißt Und den Braten zur Noth, fett ist und kühle mein Und ich sträubte mich nicht, wir folgten dem Schlage der Statt des Kindes wie gern hätt' ich die Schwester

— Freund! du ehrest die Muse, die jene Mährchen vor Alters Wohl zu Tausenden sang; aber nun schweiget sie längst, Die am Winterkamin, bei der Schusterbank, oder am Dichtendem Volkswitz oft köstliche Nahrung gereicht.

Das Unmögliche war ihr Feld; leichtfertig verknüpft sie Das Entfernteste, reicht lustig dem Blöden den Preis. Sind drei Wünsche erlaubt: ihr Held wird das Albernste Ihr zu Ehren sey dir nun das Geständniß gethan,

Wie an der Seite der Dirne, der vielgesprächigen, sachte Im bewegten Gemüth brünstig der Wunsch mich be- Wär' ich ein Jäger, ein Hirt, wär' ich ein Bauer geboren, Trüg' ich Knüttel und Beil, wärst, Margarete, mein

Nie beklagt' ich die Hitze des Tags, ich wollte mich herzlich Auch der rauheren Kost, wenn du sie brächtest, erfreun. O wie herrlich würde mir jeder Morgen begegnen, Und das Abendroth über dem reifenden Feld!

Balsam würde mein Blut im frischen Kusse des Weibes, Kraftvoll blühte mein Haus, doppelt, in Kindern Aber im Winter, zu Nacht, am Ofen und auf der Schnitz- Rief' ich, o Muse, dich auch, mährchenerfindende, an!

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